Walter Ruge: Interview mit einem deutsch-sowjetischen Antifaschisten

Als weiteres Dokument zu Faschismus und Antifaschismus dokumentieren wir im Folgenden das Interview des 1915 geborenen Walter Ruge, der heute in Potsdam lebt.

Er war Werkzeugmacher, Röntgeningenieur, Arzthelfer und DEFA-Mitarbeiter. Als Kommunist ging er 1933 ins Exil in die Sowjetunion und wurde dort 1941 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1954 wurde er rehabilitiert und reiste 1958 in die DDR aus. Sein Interview nimmt zu Deutschland, zum deutschen Faschismus und Antifaschismus, aber auch zur Frage des Stalinismus Stellung. Arnold Schölzel stellte die Fragen für die Zeitung „junge welt„:

»Ob Kinkel gelebt hat?«
Gespräch mit Walter Ruge. Über den Faschismus und die Deutschen, Stalin und historischen Materialismus sowie über den Berliner Gedenkstein »Den Opfern des Stalinismus«
Interview: Arnold Schölzel

In Ihrem Buch »Treibeis am Jenissei« schildern Sie Episoden aus Ihrem Leben als sozialistischer Schüler in der Weimarer Republik, als Arbeiter und Ingenieur im Moskauer Exil, als Lagerhäftling und Verbannter in Sibirien, als DEFA-Mitarbeiter in der DDR und als Linker in der vergrößerten Bundesrepublik. Der Band erschien zuerst auf französisch, dann auf deutsch. Warum in dieser Reihenfolge?

Das liegt an meinem mangelnden Ehrgeiz. Ich habe das nicht so hoch bewertet. In der DDR hatte ich schon einzelne Episoden aufgeschrieben, aber nur für mich. In den 90ern kam Anne-Marie Pailhès aus Paris zu mir, eine Germanistin, die auch in Leipzig studiert hatte. Sie regte mich an, Ernst zu machen, wählte aus den Urtexten aus, übersetzte, und mir scheint, die französische Fassung ist besser als die deutsche.

Noch einmal gefragt: Wollten Sie den deutschen Lesern nichts mitteilen?

Das ist eine Kardinalfrage für mich. Ich bin von einem tiefen Mißtrauen zu Deutschland geprägt. Natürlich habe ich deutsche Freunde, die deutsche Sprache ist meine Muttersprache, aber dieses Ausbrechen, nämlich Russe zu werden – das war eine Befreiung. Meine Meinung ist bis heute: Der Faschismus war den Deutschen maßgeschneidert. Dieser plötzliche Aufschwung der Nazis von 1930 bis 1933, dieser Taumel, der ist nur dadurch zu erklären, daß der Faschismus, nicht allein Hitler, das Herz der Deutschen getroffen hat.
Ich habe in Moskau am Radio gehört, wie die Deutschen über den Sender Gleiwitz hergefallen sind und was sie in der Propaganda per Rundfunk daraus machten. Es muß in Deutschland damals gekocht haben. Ich glaube, das alles wird sehr verkannt. Auch in der DDR hatten wir keine gute breite Aufkärung über den Faschismus. Es ging immer darum, den Widerstand darzustellen, vor allem den kommunistischen. Aber diese Kontinuität von 1871 bis 1933, die ist nie wirklich durchgedrungen. Das gleiche gilt für den Revanchegedanken, der immer wieder aufkam, nach 1871 und dem Ersten Weltkrieg und für das ewige Streben nach Weltmacht – das ist ein roter Faden. Ich will es so sagen: Es entsprach der deutschen Mentalität.
Nur ein Beispiel: Schauen Sie sich im Fernsehen doch einmal die Musikshows von Militärorchestern an. Die Zuschauerränge sind krachend voll. Da sitzen die Opas mit ihren Enkeln. Das sind die Rekruten für die Kameradschaften. Immer wird gesucht, woher die kommen, »in der Mitte der Gesellschaft« oder so, dabei gehören sie einfach dazu. Die DDR hat mit einigem Erfolg versucht, das auszumerzen, in der Bundesrepublik war davon keine Rede. Aus diesem und aus anderen Gründen bin ich auch der DDR dankbar.
Nach einer Aufführung des Films »Über die Schwelle«, in dem es um meine Biographie geht, fragte mich ein Journalist, warum ich aus der Sowjetunion nach Haft und Verbannung 1958 in die »poststalinistische« DDR gegangen bin. Ja, ganz einfach, weil ich um Himmels willen nicht nach Westdeutschland wollte. Für mich war klar: überallhin in die Welt, nach Australien, Neuseeland, Kanada etc., aber nur nicht dorthin. Das ging dann weiter: »Die DDR sperrte doch auch ihre Gegner weg.« Der hatte überhaupt nicht verstanden, daß ich ein Träger dieser DDR war und daß die Gegner der DDR auch meine Gegner waren.

Sie engagierten sich schon vor 1933 als Jugendlicher politisch in linken Organisationen. Bedeutete das damals schon, außerhalb von dem zu sein, was »deutsch« war?

Ich bin in Berlin-Neukölln zur Schule gegangen. Da war das Milieu stark sozialdemokratisch, also etwas anders als z. B. in Bayern. Ich war jung, und man sprach nicht ganz zu Unrecht von den goldenen Zwanzigern, denn das war auch eine linksintellektuelle Blütezeit. Außerdem: Ich war verliebt und meine Freundin war eine Jüdin. Da lag der Akzent meiner Ablehnung.
Der Kapitalismus war mehr ein Schulungsobjekt, Marx lesen war wie am Seziertisch: Aufgeschnitten – so sieht das aus, so sieht jenes aus. Aber der aufkommende Faschismus mit seinen Schlägertrupps, der bedrohte mich und meine Freundin unmittelbar. Das war ein kleiner Unterschied.

Im Buch schildern Sie einen Überfall von Nazis Anfang der 30er Jahre auf sozialistische Schüler in Wittstock/Brandenburg. Gerade in Wittstock kann so etwas heute offenbar wieder passieren.

Absolut. Das ist die Tragik, daß wir nicht vorangekommen sind. Daß die »Wende« gerade in dieser Hinsicht nichts Gutes bringt, das lag für mich 1989 in der Luft, daher meine Ablehnung.

Sie wurden freizügig erzogen, lernten früh vor allem Frankreich kennen, Unbotmäßigkeit ist offenbar der rote Faden Ihrer Biographie. Wie kamen Sie in der Sowjetunion der 30er Jahre zurecht?

Die Unbotmäßigkeit wurde in der Sowjetunion in Hörigkeit umgewandelt, aber nicht durch Zwang. Sie müssen sich das so vorstellen: In Deutschland wurden Bücher verbrannt, die im riesigen sowjetischen Verlag für Ausländische Literatur in der Originalsprache verlegt wurden. In der Sowjetunion trugen Hunderte Betriebe die Namen von deutschen Kommunisten, von Antifaschisten – Ernst Thälmann, Max Hoelz, Clara Zetkin, Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, dann »Pariser Commune« usw. Das waren Argumente für einen deutschen Antifaschisten.
Daß die Sowjetunion Gegner hatte, war mir klar. Daß es derart willkürlich und schmutzig zuging, haben wir erst viel später erfahren. Es gab die Schauprozesse gegen Tuchatschewski und andere, und man hörte, daß sie Geständnisse abgelegt hatten. Daß es dreckig zuging bis hin zur Folter, haben wir nicht geahnt. Ich habe einmal von Frauen im Moskauer Butyrka-Gefängnis gelesen, die in den 30er Jahren inhaftiert waren. Dort kam eine Gefangene vom Verhör zurück und sagte, sie sei geschlagen worden. Daraufhin hämmerten die Frauen an die Türen und riefen: »Mit dieser Verleumdung der Sowjetmacht wollen wir nichts zu tun haben. Die soll raus hier.« So war das Klima.
Ich war im Klubhaus ausländischer Arbeiter, wo immer wieder einzelne verschwanden. Auch da war die Meinung: Die sowjetischen Organe befassen sich damit. Richtig klaren Verstand hast du erst in dem Moment gehabt, als das Tor hinter dir selbst zuging: »Jetzt bin ich Feind des Volkes.« Dann fängst du an zu rekapitulieren, wer war das vor dir schon? Es ist einfach menschlich: Man glaubt nicht, daß das so einfach sein kann. Aber es war so einfach.
Ich selbst bin nicht geschlagen und nicht gefoltert worden und glaube, daß man sich das für bestimmte Fälle vorbehielt. Ich habe z. B. – das hört sich heute komisch an – zum Abschluß der Untersuchung eine Erklärung abgegeben, daß ich im Sinne der Anklage nicht schuldig bin. So etwas hätten die bei manchen anderen vielleicht nicht entgegengenommen.

Wie entsteht solch ein Mechanismus?

Meine persönliche Auffassung ist: Der Mensch ist geneigt, Ursachen zu erforschen und – was noch schlimmer ist –, den Sachen einen Sinn zu geben. In den Naturwissenschaften treibt man es so weit, bis alles in irgendeiner Ordnung ist. Dann hat der Schmetterling einen Rüssel, damit er Nektar saugen kann. Das hat etwas Religiöses. Ich bin kein Fachmann für Marxismus oder historischen Materialismus, aber daß Irrsinn, Unsinn und Widersinn wichtige Faktoren der Geschichte sind, das kommt in ihm zu kurz. Den Zufall haben wir mit der Zeit anerkannt, der darf sein. Aber die ganze Arie mit Jossif Wissarionowitsch widerspricht aus meiner Sicht dem historischen Materialismus. Ein Mann stirbt 1953 – und über Nacht verändert sich die Welt. Der Eisenbahnbau in Nordsibirien, das Vorhaben Nummer 503, bei dem ich als Häftling dabei war, wird sofort eingestellt. Hunderttausende Häftlinge werden plötzlich freigelassen usw. Die Versuche Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU, das zu erläutern, waren sehr dürftig, gruselig und halbherzig. Geschichte sollte ihre Lösungen nicht bei der Biologie entlehnen.
Deswegen bin ich auch gegen den Begriff »Stalinismus«. Es gibt Historiker bis hinein in die Geschichtskommission der Linkspartei.PDS, die in dieser Stalin-Periode ein Gesellschaftssystem entdecken wollen. Dazu nur ein Beispiel: Die Leute wurden unter Stalin u. a. nach Listen erschossen. Auf die hat der Alte nur geschrieben: »Ich bestätige« – dann wurden zweihundert Leute erschossen. Aber manchmal hat er geblättert und einen Namen durchgestrichen – den nicht. Die Politbüromitglieder haben wie Espenlaub gezittert, daß sie nicht auch erschossen werden. Zwei Frauen von Politbüromitgliedern waren im Lager – die von Molotow und Kalinin. Daraus ein Gesellschaftssystem zu konstruieren, halte ich für völlig absurd. Ganz abgesehen davon, daß ein Ismus einen geistigen Gehalt angibt. Für Verbrechen kann man aber keinen Ismus verteilen, d. h. ich betrachte diesen Begriff als eine nachträgliche Huldigung dieses Henkers und eine Verhöhnung der Opfer. Ich habe einen Begriff gewählt, der nie große Verbreitung finden wird: Stalin hat eine Periode der Entartung der Oktoberrevolution eingeleitet, die man am besten mit »rote Inquisition« bezeichnen kann. Die ganze Sinnlosigkeit und Willkür spiegeln sich darin wider, denn es ist nur mit Ketzer- und Hexenverbrennung zu vergleichen.
Noch ulkiger wird es mit den »Stalinisten«. André Brie hat verkündet, daß ihnen der Verbleib in der PDS unerträglich gemacht werden soll. Er war damit nicht sehr erfolgreich, aber wenn er einen Apparat des NKWD gehabt hätte, wäre er fündig geworden. Dieser erfolgreiche Wirtschaftsminister Michael Glos bezeichnete kürzlich Jürgen Trittin als »Ökostalinisten«. Der britische Schatzkanzler Gordon Brown wurde jetzt als Stalinist bezeichnet. Die Linkspartei.PDS befindet sich da in einem Reigen, der philosophisch und politisch unwürdig ist, macht aber feste mit.

Derzeit ist bei einigen dort offenbar bereits derjenige Stalinist, der die klassisch sozialdemokratische Forderung erhebt, die Schlüsselindustrien zu verstaatlichen.

Ich habe gute Gründe, diesen Begriff abzulehnen. Er paßt auch nicht zu diesem Respekt vor den Andersdenkenden, den die Linkspartei.PDS programmatisch vertritt. Wenn ich mit ihm Leute aus der Partei vergraulen will, dann ist das nur eine Fortsetzung der Einstufung von Menschewisten, Trotzkisten, Titoisten und jetzt eben Stalinisten, Neostalinisten, Poststalinisten. Faktisch wird die Politik der Nichttoleranz gegenüber einem Andersdenken forciert. Erinnern Sie sich an den Protest von drei PDS-Abgeordneten im Bundestag gegen den Bush-Besuch 2002. Da hat sich Roland Claus bei Bush entschuldigt. Ist das der Umgang mit Andersdenkenden? Wo ist der Respekt vor Fidel Castro als einem Andersdenkenden, wenn PDS-Europaabgeordnete für diese Kuba-kritische Resolution stimmen? Das ist Heuchelei.
Es gibt noch einen anderen Aspekt. Karl der Große hat mit Blut und Schwert sein Frankenreich vergrößert, und sein Glanzstück war die Christianisierung der Sachsen. Wer nicht den neuen Glauben annahm, wurde einen Kopf kürzer gemacht. Das war der Christianisierung sehr förderlich, aber es wäre völlig unfair, das Wesen des Christentums an Hand Karls des Großen zu erläutern oder an Hand der Kreuzzüge, der Inquisition oder des Dreißigjährigen Krieges.
Die moderne kommunistische Geschichte beginnt mit François Noël Babeuf, der 1797 hingerichtet wurde, also vor über 200 Jahren. Heute werden 25 Jahre aus dieser Geschichte herausgesucht, und es wird behauptet: Das ist Kommunismus. Durch endlose Wiederholung dieser These hat man das auch in den Köpfen durchgesetzt. Wenn Sie heute jemanden auf der Straße fragen, was Kommunismus ist, antwortet der: Gulag, Mauer, Terror etc. Daß die PDS das mitmacht, ist lächerlich. Den Kommunismus mit dieser Periode, die Stalinismus genannt wird, zu erklären, ist geradezu verbrecherisch. Denn wenn der Stalinismus eine Entartung des Kommunismus oder Sozialismus war, dann ist die Frage, wie der nicht entartete Sozialismus aussieht. Diese Frage wollen die Herrschenden gar nicht erst nicht aufkommen lassen.

Das Etikett Stalinismus wurde auf die DDR gepappt, und die Delegitimation schien fertig. Das scheint aber nicht ganz geklappt zu haben.

Auf die »Wende« reagierte ich selbstkritisch: Wir haben etwas falsch gemacht. Ich war nicht wankelmütig, aber nachdenklich. Dann kamen die aus dem Westen und meinten, daß wir gar nicht gelebt haben. Meine Antwort: Ob ihr gelebt habt, weiß ich nicht, aber wir haben gelebt, gelitten und geliebt. Ob solch ein Kinkel, der als Justizminister die Delegitimation der DDR verlangte, gelebt hat – na ja. Leben nur als Dolce vita zu begreifen ist kompletter Quatsch.
Noch eins zum »Stalinismus«: Es ist mit ihm wie mit des Kaisers neuen Kleidern und ich fühle mich als der kleine Junge, der sagt, der Kaiser hat doch nichts an. Da hat z. B. neulich jemand im Neuen Deutschland herausgefunden, daß die DDR die nationale Variante des Stalinismus war. Wer so etwas schreibt, hat keinen blassen Schimmer von dem, was sich in der Sowjetunion abgespielt hat. Vor allem sieht man nicht, daß dies mit dem XX. Parteitag zu Ende war. Aber man zieht den »Stalinismus« wie einen Kaugummi bis zum Untergang der DDR und der Sowjetunion. Das ist völlig verkehrt, weil die tatsächliche Entwicklung ignoriert wird.

Was sagen Sie zu der These, daß mit Chruschtschow der Revisionismus begann?

Da bin ich anderer Meinung. Historischer Materialismus ist das auch nicht. Warum z. B. sind Leute aus der sowjetischen Nomenklatura, die politische Hochschulen besuchten, Marxismus-Leninismus studierten, heute Oligarchen und unter den Reichsten der Welt? Das muß man erklären. Es gab auch im Christentum immer Abtrünnige, aber die blieben wie Luther Christen. Diese Leute haben nicht einmal den Versuch gemacht, einen neuen Sozialismus zu entwerfen. Sie sind einfach Lumpen geworden, die mit ihrem Reichtum protzen. Mit dieser Gewohnheit sind sie eine Neuauflage der russischen Großgrundbesitzer. Die saßen auch nicht auf ihren Gütern, sondern hielten Hof in St. Petersburg.

Warum wurde in der DDR über diese Periode fast nicht gesprochen?

Manche behaupten, sie seien schriftlich verpflichtet worden, nichts über ihre Haft zu sagen. Bei mir war das nicht der Fall, aber es gab kein Bedürfnis zu sprechen: Erstens ist es doch ein Trauma. Zweitens: Es ist derart unglaubwürdig, daß Sie, sobald Sie die Klappe aufmachen, sich rechtfertigen müssen. Wenn Sie erzählen: Ich habe gesessen, aber für nichts, dann kommt: Na, irgendwas war doch. So habe ich ja auch gedacht. Vor allem aber: Es gibt private Bereiche, über die man nicht sprechen mag. Im Gegenteil, man ist froh, wenn das Thema nicht erwähnt wird. Dadurch ist es natürlich in der DDR untergegangen.
Auf der anderen Seite gab es auch eine tiefe konspirative Genugtuung, eine gewisse Überheblichkeit: Wenn ihr wüßtet, was ich schon alles gesehen habe.

Sie haben sich in einem Brief an den Chefredakteur des RotFuchs, Klaus Steiniger, gegen den Gedenkstein »Den Opfern des Stalinismus«, der im Herbst 2006 in der Berliner Gedenkstätte der Sozialisten aufgestellt wurde, ausgesprochen. Der Text wurde – neben dem Brief von Christian Klar – auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz verlesen (siehe jW am 15. Januar und RotFuchs März 2007). Was haben Sie gegen den Gedenkstein?

Ich fühle mich durch den Stein nicht nur nicht geehrt, ich fühle mich einfach beleidigt. Die Gedenkstätte der Sozialisten hat einen bestimmten Gehalt, mit dem dieser Stein nichts zu tun hat. Jetzt sollen relegierte Schüler Opfer des Stalinismus sein – das ist wieder die Ausdehnung des Begriffs bis 1990. Hinzu kommt mein Standpunkt zur Mauer: Die Leute, die die Mauer angingen, wollten besser leben. Das war legitim. Aber sie wußten um das Risiko. Jeder Tote ist einer zu viel. Aber aus ihnen sollen jetzt Märtyrer gemacht werden. Diese Art Umgang mit Geschichte ist im Sinn der Eliten, aber kann nicht Sache einer sozialistischen Partei sein.
Wissen Sie, was mich militant gemacht hat? Der Besuch des Avante-Pressefestes in Lissabon im vergangenen September. Mit 300000 Menschen die Internationale singen und dann der Übergang zum Tanzen – das ist mir lange nicht passiert. Dieses Erlebnis hat meine Haltung sehr zementiert.
Es geht nicht darum: Der ist alt, der begreift nichts mehr. Nein, ich habe seit 1989/90 diesen Kapitalismus neu erlebt. Überlegen Sie: Wir hatten den Zweiten Weltkrieg, die Wannsee-Konferenz, Auschwitz, Stalingrad, Karlshorst, Nürnberg, aber wenn die Nazis jetzt ein Haus kaufen wollen, wird uns beigebracht, daß wir das Vorkaufsrecht der Gemeinde nutzen müssen. Da rennen wir mit Sammelbüchsen herum und versuchen, den Nazis das vor der Nase wegzukaufen. Steht das in einem Verhältnis zueinander? Wir hätten wahrscheinlich 1933 mit Sammelbüchsen herumlaufen sollen, dann hätten wir den Faschismus verhindert.

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2 Gedanken zu “Walter Ruge: Interview mit einem deutsch-sowjetischen Antifaschisten

  1. Ich habe selten eine so klarsichtige Analyse zu Stalin, zur „Wende“ und all dem was Walter Ruge hier anspricht, gelesen. Jedem Mitgliede der Linken, besonders aber der Führung zur Lektüre empfohlen!

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