7. Juli, Frankfurt: Nazis bestätigen Steinwürfe und Antisemitismus aus ihrer Demonstration heraus

Es wird immer deutlicher: Der Frankfurter Polizeipräsident Dr. Achim Thiel hat in seiner öffentlichen Bilanz zur Nazi-Demonstration am 7. Juli entweder über etwas geredet, wovon er nichts weiß. Oder er hat gelogen. Fest steht schon heute: der gesamte gigantische Polizeiaufwand hat weder Steinwürfe der Nazis aus ihrer Demonstration heraus verhindern können (oder wollen?), noch das Skandieren antisemitischer Parolen. Das bestätigen inzwischen die Nazis in eigenen Videos und Stellungnahmen:

Polizeipräsident Dr. Achim Thiel, Hessenjournal, 9. Juli:
Es waren keine vermummten NPD’ler dabei, es wurden auch nicht entsprechende verbotene Lieder gesungen, es wurden auch keine Steine geworfen. Wir haben in Absprache mit der Staatsanwaltschaft fortlaufend sehr eng kontrolliert, ob alle Auflagen eingehalten werden.[…] wir haben sehr aufgepaßt…

Nazi auf Altermedia:
das hüpfen und die erhobenen hände waren koordiniert, um steinwürfe von aktivisten aus dem block zu verdecken und wie man sieht mit erfolg…
(http://de.altermedia.info/general/marcel-woll-uber-die-geschehnisse-am-070707-in-frankfurtmain_10414.html)

Nazis skandieren „Nie wieder Israel!“: Nazi-Video auf YouTube

Wöll bezeichnet Frankfurt als „Jersualem am Main“: Nazi-Video auf YouTube

Zur Frankfurter Polizeiführung im Umgang mit den Nazis siehe auch:

Her Polizeipräsident Dr. Thiel: Treten Sie zurück!

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7 Gedanken zu “7. Juli, Frankfurt: Nazis bestätigen Steinwürfe und Antisemitismus aus ihrer Demonstration heraus

  1. Am Fischstein, gegenüber der Tankstelle, wurden wir von den Nazis auch mit einem Stein beworfen. Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass die Polizei das gesehen haben muss …

  2. Ich war auch beim Fischstein. Die Aussage von Thiel, dass die Nazis keine Steine geworfen haben, ist definitiv falsch.
    Ich habe einen Wurf mit eigenen Augen gesehen. Der Stein traf jemanden neben mir, zum Glück ohne Folgen. Eigentlich sollte die Polizei den Vorfall aufgenommen haben, so viel wie dort gefilmt wurde.

  3. Mal was Grundsätzliches, was mit dem Thema an sich nichts zu tun hat, aber ich weiß nicht, wo ich es hier sonst posten könnte:

    Ich finde die Begrifflichkeit Nazis, die ja immer wieder für Neonazis verkürzt verwendet wird, sehr unglücklich. Die Mitglieder der NSDAP waren die Nazis. Neonazis als Nazis zu bezeichnen, relativiert in meinen Augen die Verbrechen unter Hitler und die Grausamkeit des Apparates. Die Maschenerie der Nazis ist einmalig und unvergleichbar. Die heutige braune Szene als Nazis zu bezeichnen verharmlost das, was hinter den Nazis stand. Die heutigen sind nur möchtegern Nazis – und das ist auch gut so. Durch die Wahl Nazis fühlen sich diese aufgewertet, denn sie wären ja gern welche und hätten gern die Zustände von damals. Ferner die heranwachsende Generation wächst auf mit der Belegenung des Begriffs Nazis für solche, welche eigentl. „nur“ Neonanzis sind. Ich halte es aber für sehr wichtig, dass dies nicht vermengt wird um so klar im Gedächnis erhalten zu können, welche einmalige Grausamkeit, das industrielle Vernichten von Menschenleben, statt gefunden hat. So wie der Begriff der Nazi benutzt wird, ist es inflationär.

  4. @Fastien:
    Einerseits bezeichen sich die NPD-AktivistInnen um Wöll inzwischen selber offensiv als Nazis. Das ist relativ neu und stellt einen qualitativen Sprung in der bewußten Aufnahme einer historischen Kontinuität NSDAP – NPD dar, der von letzterer gewollt ist. Noch im Februar 2007 war das nicht so der Fall. Deshalb müssen wir das deutlich markieren

    Zweitens: Faschismus ist ein allgemein eingebürgerter politikwissenschaftlicher und historischer Begriff für eine mindestens europaweite Bewegung, in deren Strom sowohl der italienische Faschismus als auch der in vieler Hinsicht davon zu unterscheidende deutsche sog. Nationalsozialismus gehört.

    Der Begriff Nationalsozialismus ist deshalb aus meiner Sicht wissenschaftlich unbrauchbar, weil er zum einen unkritisch eine propagandistische Selbstbezeichnung der Nazis übernimmt, die kalkuliert die sozialistisch-kommunistische Arbeiterbewegung und ihre Verbündeten um den Begriff des Sozialismus bestehlen wollte. Im Rahmen der sog. Totalitarismustheorie nach 1945 und ihrer speziellen Rezeption in der Sprache der Herrschenden in der BRD sollte die inbrünstige Übernahme dieses heuchlerischen Nazi-Begiffs zugleich die ebenfalls als „totalitär“ gebrandmarkte marxistische Linke mit verteufeln. Die Konsequenzen sind bis heute spürbar, in den letzten Jahren sogar stärker geworden, etwa in der Theorie von den „beiden deutschen Diktaturen“, dem Sächsischen Gedenkstättengesetz und der offiziösen geschichtspolitischen Position, die darin zum Ausdruck kommt.

    Korrekt wäre die Bezeichnung „Hitlerfaschismus“ oder (wie im italienischen „nazifascismo“) „Nazifaschismus“: beide Begriffe stellen die Geschichte des deutschen Faschismus richtig in einen größeren historischen und poltischen Zusammehnhang (den der Konterrevolution), unterscheiden aber zugleich seine in der Tat gegebene unverwechselbare Besonderheit, die durch Auschwitz ein für alle Mal nicht relativierbar bleibt.

    Diese Begriffe aber jedesmal genau differenziert zu verwenden und darauf auch bei anderen zu bestehen ist im Rahmen von Texten in unserem Zusammenhang unmittelbarer politischer Arbeit eher unsinnig, nicht machbar und auch nicht notwendig. Gemeint ist er aber – zuminndest von meiner Seite aus – immer in diesem Sinn.

    Aktueller Literaturtipp:
    Peter Scherer, Wem gehört der 9. November? Über Revolution, Konterrevolution und Antisemitismus 1918 /1923 / 1938, in: Marxistische Blätter 3-07.

  5. Hallo Herr Stoodt,

    in Anbetracht dessen, dass das erste KZ auf deutschem Boden wegen zu geringer Mittel planen muss, künftig Eintrittsgelder zu nehmen, die Shoa in den Großbritannien teilweise von den Lehrplänen an Schulen genommen wurde, eine immer größer werdende Anzahl von Deutschen fordert, nicht weiter die Shoa zu thematisieren und und und zeichnet sich deutlich ab, die Nazi-Verbrechen sollen vergessen werden.

    Was verbinden Menschen heute als erstes mit Nazis- die Möchtegern Nazi. Wenn von den Nazis die Rede ist, dann muss man doch schon einen Satz anfügen und sagen, ich meine die richtigen von damals, um zu kennzeichnen, man meint die Anhänger von Hitler.

    Das kann es nicht sein! Die Erinnering an die grausamen Verbrechen ist mit ein Mittel im Kampf gegen Faschismus. Das darf man nicht so einfach aus den Händen geben, indem man den Begirff derart verschleißt.

    Ferner ist es das Anliegen der Braunen in die Mitte der Menschen zu kommen. Wenn man den Begirff Nazi so relativiert, verliert er seine abschreckenede Wirkung und in die Mitte der Gesellschaft zu kommen, wird für Neonanzis einfacher, weil keiner mehr im Mark zuckt, wenn der Begriff Nazis fällt, weil alle nur die Möchtergern Version im Kopfe haben.

    Es mag sein, dass es praktischer ist einfach von Nazi zu sprechen. Man sollte sich über den Preis dafür aber ganz bewußt sein. Für mich persönlich ist er zu hoch.

    Danke für Ihre Antwort und Gruß nach Frankfurt

  6. @Fastien
    Ich verstehe und respektiere die Argumente. Sie haben viel für sich. Mir geht es in keiner Weise um eine Relativierung der NS-Verbrechen. Aber: ist es nicht gerade auf deren Hintergrund besonders wichtig, darauf aufmerksam zu machen, daß Marcel Wöll, Christian Müller und diese ganze Riege sich seit einigen Monaten selber sehr bewußt als Nazis bezeichnet? Sie sind nicht irgendwer. Seit Mai 2006 ist Wöll NPD-Landesvorsitzender. Das heißt, er gehört zum inneren Kreis der Führung dieser Partei. Die Selbstbezeichnung „Nazi“ wird dort ganz offensichtlich geduldet, wenn nicht gar gefördert. Das gehört in eine ganze Salve mE. bewußter und kalkulierter Versuche, die Grenzen des Legalen in dieser Hinsicht auszutesten und möglicherweise nach Rechts zu verschieben: „nationaler Sozialismus“, „Volksgemeinschaft“ als legal zu bewerbende Ziele, Holocaustleugnung von Wöll (sicher nicht im Affekt, sondern, wie man im Tonbandmitschnitt des Wetterauer Kreistags hören kann, im Rahmen eines vorbereiteten Statements nüchtern kalkuliert), Frankfurt als „Jerusalem am Main“ (das allerdings ist schon älter), und nun eine Vielzahl von Selbstbetikettierungen als „Nazis“. Das ist bewußt geplant und mit System.

    Auf der offiziellen Mobilisierungsseite http://www.antikap.de bzw. bei den YouTube-Beiträgen von „exvodsPhoenix“ zum Thema „arbeit-statt-dividende.de“ (hierhinter verbirgt sich eine uns bekannte Person aus der unmittelbaren Umgebung von Marcel Wöll) können Sie das genau sehen: „Nazis vs. Ausländer“, „Nazis vs. Globalisierung“, „Nazis vs. Kapitalismus“ usw. usf – bis hin zum Molotowcocktail-Video, in dem sich die dort posierende NPD-Aktivistin aus der Umgebung von Wöll, Teilnehmerin an der NPD-Demonstration des 7. Juli (https://antinazi.wordpress.com/2007/07/13/wer-kennt-diese-frau-wer-noch-hat-sie-auf-der-demo-am-7-juli-fotografiert/https://antinazi.wordpress.com/2007/07/13/wer-kennt-diese-frau-wer-noch-hat-sie-auf-der-demo-am-7-juli-fotografiert/), ebenfalls selbst als „Nazi“ bezeichnet. Noch im Februar hatte sich Jörg Krebs, NPD-Stadtverordneter in Frankfurt, „entrüstet“ davon distanziert, als Nazi bezeichnet zu werden. Er ist der Pressesprecher von Marcel Wöll.

    Sie sehen: da ist eine klare Eskalationsstrategie der NPD insgesamt zu verzeichnen. Die sollten wir Ernst nehmen. Wer sich selber als „Nazi“ bezeichnet, sollte auch von uns so bezeichnet werden – mit allen Konsequenzen (vgl. zB. Art 139 GG).

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