Hausen braucht diese Moschee

halbmond.jpegDie Sondersitzung des Frankfurter Orsbeirats 7 (Stadtteile Praunheim, Rödelheim, Hausen, Industriehof) am gestrigen Abend (18.9.) war hervorragend geeignet als Anschauungsmaterial für den „Extremismus der Mitte“ – all die, die sich zu Recht oder zu Unrecht als den völlig problemfreien Normalfall, die schweigende Mehrheit, zugleich auch die irgendwie Zukurzgekommenen empfinden. Sie brüllten, klatschten, trampelten dabei ihren Zorn über alle heraus, die anders sind, vermeintlich mehr Aufmerksamkeit haben, materiell und ganz offensichtlich auch argumentativ und kulturell überlegen sind. Und sie taten dies im ungebochenen Vollgefühl ihres „Rechts“, genau so sie selbst bleiben zu wollen. Jedes ihrer Voten trug die unsichtbare Überschrift „Ich will so bleiben, wie ich bin!
Der Feind an diesem Abend: „der Islam“, mit dem keine Verständigung möglich sei, den man „hier nicht will“, egal ob zu Recht oder zu Unrecht. Mitten drin wie der Fisch im Wasser: Wolfgang Hübner (BFF), der im Bündnis mit den lokalen Grünen und der lokalen CDU agiert. Strategisches Ziel: Verhinderung des Moscheebaus der islamischen Hazrat-Fatima-Gemeinde. Die REPs um Stadtverordneten Langer spielten eine marginale Rolle. Die NPD blieb abwesend. Gegen sie wurde inzwischen aufgrund ihres tausendfach im Stadtteil verteilten Fylers „Islamisten raus!“ Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt. Die Anti-Nazi-Koodination trug ihre Position in einer von Ortsvorsteher Christian Wernet (CDU) sichtlich nur mühsam geduldeten und vom Plenum mehrfach unterbrochenen Erklärung vor.
Update 1: Die Frankfurter Rundschau lädt für den 1. Oktober zu einer Podiumsdiskussion zum Thema ein. Kommt massenhaft!
Update 2: Anstatt sich für die beschämende Zusammenarbeit der GRÜNEN mit den antidemokratischen Parteien BFF und REPs im Ortsbeirat 7zu entschuldigen und sie sofort zu beenden, fordert GRÜNEN-Sprecher Olaf Cunitz die Muslime in Frankfurt zur „Öffnung“ auf – angesichts der Diskussion in Hausen eine bezeichnend absurde Forderung an die falsche Adresse.
Update 3: Am Ende dieses Artikels befindet sich eine noch unvollständige Linksammlung zu Veröffentlichungen über das Thema Moscheebau in Hausen und dem dazugehörigen Umfeld. Wir bitten um Ergänzung!

Wir sind hier weder links noch rechts, aber…„, „Wir verwahren uns gegen den Vorwurf, Rassisten zu sein, aber…“ – so begannen an diesem Abend zahlreiche statements der Moscheebaugegner.
Aber: die Muslime benachteiligen Frauen, „der Islam“ ist grundgesetzwidrig, in islamischen Ländern geschehen unerhörte Greuel usw. usf.

Daneben gab es auch Argumente zur Sache, die an diesem Abend zu verhandeln war.

Drei Moscheen in Hausen – das ist zuviel.
Aber der anwesende Beamte des städtischen Bauamts korrigierte: der geplante Moscheebau findet nicht in Hausen, sondern im Stadtteil Industriehof statt.
Egal – wir wollen die Moschee nicht.

Wir befürchten das Parkplatzchaos.
Derselbe Beamte berichtete sachlich: daran wird gearbeitet. Es ist kein Chaos zu befürchten.
Egal – wir wollen die Moschee nicht.

Überfremdung„, „der Stadtteil kippt um„, „Islamisierung“ –
Ünal Kaymakci von der Hazrat-Fatima-Gemeinde rückte das souverän zurecht. Dem gebürtigen Frankfurter Rechtsanwalt und deutschen Staatsangehörigen kann man schlecht vorwerfen, in Frankfurt „fremd“ zu sein. Er steht für eine ganze Generation deutscher Muslime.
Dennoch: sein Satz, er habe als deutscher Staatsangehöriger nicht weniger Rechte als die Moscheebaugegner wurde von den Extremisten der Mitte mit ungläubig-agressivem Gelächter quittiert, geradeso als habe Kaymakci soeben behauptet, er käme vom Mond.

So richtig entlud sich der „Volkszorn“ an Magistratsmitglied Jean-Claude Diallo (GRÜNE). Dessen völlig realistische Botschaft lautete, auf einen Satz verkürzt: „wir haben keine andere Wahl – wir müssen miteinander auskommen, und das bedeutet auch: die Mehrheitsgesellschaft muss akzeptieren lernen, daß es islamische, schwarze oder sonstwie ‚andersartige‘ gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft gibt.
Die brüllende message der Gegenseite dazu war völlig klar: wir müssen gar nichts – wir wollen Euch nicht.

Realitätsverweigerung komplett – auch insofern noch, als den anwesenden Muslimen deutscher oder anderer Statsbürgerschaft dann nicht wenigstens auch noch ein Rat erteilt wurde, wohin sie denn verschwinden sollen.
In ein anderes Land? In ein Lager? Manche der Anwesenden schienen zu allem bereit.

Es gibt in der Tat reale Probleme, die sich möglicherweise auch am Beispiel des Moscheebaus diskutieren lassen.

Zum einen: es gibt ein massives Demokratiedefizit in dieser Gesellschaft. Alle Anwesenden, die sich in ihren Voten irgendwie mit „den Politikern“ befassten, machten das mehr oder weniger deutlich. Und sachlich auch nicht zu Unrecht. Angeblich steht schon lange fest, daß der Frankfurter Magistrat diesen Moscheebau will. Und es ist nachvollziehbar, daß es wütend machen kann, wenn im Rahmen einer Informationsveranstaltung zu diesem Thema zunächst der Eindruck erweckt wird, die Menschen an der Basis hätten dazu etwas mitzubestimmen, obwohl das aufgrund rechtlicher Vorgaben gar nicht vorgesehen ist. Fast niemand von den Moscheebaugegnern schien den Unterschied zwischen der gestrigen Informationsveranstaltung und einer Versammlung im Rahmen eines Planfeststellungsverfahrens verstanden zu haben. Daß es letztlich von Seiten „der Politik“ an einem baurechtlich unbeanstandeten Projekt der vorgeschlagenen Art nichts zu diskutieren gibt, schien unbekannt zu sein.
Man kann mit guten Gründen der Meinung sein, daß das so, wie es ist, falsch ist. Wenn sich aber an einem Dienstagabend 350 Menschen in einem zu engen Raum derartig erregen, dann hat das nach aller Erfahrung nichts mit der Sorge um Demokratie, die Form des Baurechts, den Verkehrsproblemen am Fischstein-Kreisel oder gar den weltweiten Frauenrechten in islamischen Familien zu tun, sondern genau mit dem, was ja auch wünschenswert deutlich ausgesprochen wurde: wir wollen Euch, die Anderen, die Fremden, die Nicht-schon-immer-hier-gewesenen – wir wollen Euch hier nicht, und wir wollen das nicht begründen müssen, weil wir es eigentlich auch argumentativ ernsthaft nicht begründen können. So gesehen erweist sich der gesellschaftliche Ort, an dem das durchaus vorhandene Demokratiedefizit thematisiert wird, als Ausdruck des festen Willens, das Problem nicht wirklich, sondern nur auf Kosten der vermeintlich „Fremden“ auf die Tagesordnung setzen, und damit eben gerade nicht lösen zu wollen. Diese Ideologie ist ein ideales Medium für die nationalistischen und rassistischen Positionen des BFF-Stadtverordneten Wolfgang Hübner, der mit Sicherheit davon träumt, auf diesem Konflikt sein Süppchen in ähnlicher Weise kochen zu können, wie es etwa „pro Köln“ samt Ralph Giordano in der Auseinandersetzung um den dortigen Moscheebau tut.
Die CDU agiert ähnlich – von Hübner angetrieben. Ihr blieb es allerdings vorbehalten, die für sie offenbar eigentlichen Fragen aufzutischen: wie steht’s denn überhaupt mit der Kreditwürdigkeit der Gemeinde? Und: lügt Herr Kaymakci nicht vielleicht einfach nur, in allem was er sagt?
Da bleibt uns nur, in aller Form festzustellen: so stilvoll kann Rassismus sein.
Und es ist das ganz spezifische, erbarmungswürdige Elend der Grünen vor Ort, daß sie diesem Spiel nicht nur nichts entgegenzusetzen haben, sondern es beobachtbar aktiv mitbetreiben. Tiefer kann man nicht mehr sinken.

Es gibt andererseits berechtigte, reale und nachvollziehbare Fragen an Theorie und Praxis islamischen Lebens hier oder andernorts auf der Welt. Solche Fragen kann man übrigens an jede empirische Lebensweise stellen, wie sie sich von der evangelischen Kirchengemeinde bis zum Kleingartenverein auch in Hausen finden lassen. Aber in dieser Frage gab es gestern bezeichnenderweise „verkehrte Fronten“. Ünal Kaymakci war es, der in seiner Art des Argumentierens und seinen Entgegnungen auf Fragen zu einzelnen Koranpassagen oder der berühmt-berüchtigten „Kamel-Fatwa“ darauf verwies: so etwas muß man im Kontext verstehen, es muß historisch abgeleitet werden, die religiöse Praxis in Fragen dieser Art ist veränderbar. Er bewies beeindruckend die Kritikfähigkeit und Lebendigkeit einer zwar völlig traditionellen, in sich ruhenden aber zugleich vernunftoffenen Version eines heute existierenden deutschen Islam. Damit vertrat er formal und inhaltlich in dieser Diskussion faktisch die Werte der westlichen Aufklärung gegen das argumentationslos-brüllende Ressentiment des völkisch-deutschen Extremismus der Mitte.

Auf der Basis dieser Diskussion besteht die begründete Hoffnung, daß all die Fragen an „den Islam“, die es geben mag, am allerbesten in einer Moschee mit den dortigen Muslimen diskutiert werden. Man darf gespannt sein, wer von den derzeitigen MoscheebaugegnerInnen in ihrer Sorge um die universellen Menschen- und Frauenrechte dieses offene Angebot dann annimmt.

Ünal Kaymakci blieb es vorbehalten, die neben Jean-Claude Diallos Botschaft entscheidende Schlussfolgerung des Abends auszusprechen: sein Verlauf hat eines ganz klar gezeigt – der Stadtteil braucht diese Moschee, politisch und spirituell. Dringend.

Linksammlung zur öffentlichen Debatte um den Moscheebau in Hausen und verwandten Fragen:

„Grenzen der Toleranz“ (14. August)
„Angst vor der Moschee“ (15. August)
„Das M-Wort“ (15. August)
Eiertanz um die Moschee“ (17. August)
Der Anwalt“ (31. August)
Information gegen Vorurteile“ (1. September)
Fatima-Gemeinde zeigt Moschee-Pläne“ (3. September)
Was diese Stadt im Innersten zusammenhält“ (3. September)
Säkular in vitaler Religion“ (3.September)
Islam ist Teil dieser Gesellschaft“ (4. September)
NPD aus dem Plenarsal geworfen“ (7. September)
„Sondersitzung zur Moschee“ (12.September)
Muslime wollen dort beten, wo sie leben“ (18. September)
Ein Wunsch, der ein Streitfall wurde. Chronologie der Ereignisse um den Moscheebau in Hausen“ (19. September)
„Immenses Unwissen“ (19. September)
Eine Moschee spaltet Hausen“ – „Hessenschau“-Bericht am 19. September
Angst macht Hausen feindselig“ (20. September)
Der Moschee-Konflikt braucht eine Wendung“ (20. September)
FR-Spezial zum Frankfurter Moschee-Konflikt

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4 Gedanken zu “Hausen braucht diese Moschee

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