„Die tödlichen Schüsse an der Startbahn West“ – Eine szenische Lesung, die durch die Nacht des 2.11.1987 und durch die 80er Jahre führt

Am Freitag, 2. 11. 2007, 20 Uhr, stellt Wolf Wetzel im Bürgerhaus Bornheim Teile seines demnächst erscheinenden Buches über die Ereignisse des 2. November 1987 vor. Dies ist ist der 20. Jahrestag eines Ereignisses, das als Novum in die Geschichte sozialer Bewegungen eingehen sollte: Im Verlauf einer Nachtaktion an der Startbahn West, an der sich ca. 400 StartbahngegnerInnen beteiligten, wurden tödliche Schüsse auf Polizeibeamte abgegeben. Was war tatsächlich passiert? Wie konnte es dazu kommen?
Für Startbahnbefürworter war sofort alles klar: Von »eine(r) Gruppe von terroristischen Gewalttätern«, die ein »Inferno« anrichteten, sprach Springers ›Abendpost‹, die liberale ›Zeit‹ wusste vom »kaltblütigen Mord (…) als ultimative Perversion unserer Versammlungsfreiheit« zu berichten und der ›Spiegel‹ konnte sich nicht satt sehen und halluzinierte von einer »schwerbewaffnete(n), blutige(n) Wanderarmee«.

• War es eine geplante Aktion einer Startbahngruppe?
• Waren die Schüsse logischer Endpunkt einer Radikalisierung?
• Wie kann ein Konflikt politisch bleiben, wenn das stärkste Argument des Staates Gewalt ist?
• Wie vielfältig und unterschiedlich darf, muss eine Bewegung sein, für wie viel Bestimmtheit sind alle verantwortlich?

Auch wenn diese Fragen nach den tödlichen Schüssen drängender wurden – sie standen lange vorher im Raum.
Auch wenn es die Startbahnbewegung so nicht mehr gibt – die Fragen sind geblieben, die Suche nach Antworten ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Die szenische Lesung basiert auf über fünfzehn geführte Interviews mit damals Beteiligten. Zentraler Ort der Erzählung ist die Startbahn West. Die ZuhörerInnen begleiten die damals Beteiligten durch den Wald, an die Startbahn, zurück nach Hause, ins Polizeigewahrsam, zum Verhör – eingeholt von Ereignissen, die ihr bisheriges Leben grundsätzlich ins Wanken brachten: Hüttendorfräumung/1981, Tod von Günther Saré/1985, Tschernobyl/1986, Strommastaktionen, Plutoniumfabriken Alken-Nukem. Ihre Gedanken, ihre Entscheidungen waren so verrückt, so unglaublich, so mutig, so aberwitzig, so konsequent und größenwahnsinnig wie es Menschen sein müssen, die den gefahrlosen Pfad der reinen Kritik verlassen.

Dass Geschichte nicht in der Vergangenheit liegt, sondern in der Gegenwart des Begreifens wird Ende dieses Jahres – ganz unphilosophisch – Realität. Dann ist das Planfeststellungsverfahren zum Bau einer dritten (Nord-)Landebahn durch den Kelsterbacher Wald abgeschlossen – Startschuss für die Rodung.

Die szenische Lesung basiert auf dem Buch ›Tödliche Schüsse‹, das im Frühjahr 2008 im Unrast-Verlag, Münster, herauskommen wird. Weitere Informationen unter: www.wolfwetzel.wordpress.com

Freitag, der 2.11.2007, 20 Uhr
Bürgerhaus Bornheim-Mitte
Arnsburgerstr. 24, Frankfurt/M. (U-Bahnstation Höhenstrasse),
Clubraum 1

Dazu gibt es Bilder, Dias und aktuelle Informationen zur Startbahn-Nord.

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10 Gedanken zu “„Die tödlichen Schüsse an der Startbahn West“ – Eine szenische Lesung, die durch die Nacht des 2.11.1987 und durch die 80er Jahre führt

  1. Hallo Wolf Wetzel, jahrelang habe ich mit dem angeblichen Todesschützen zusammengearbeitet und bin schiewr verzweifelt an seiner immer abwägenden haltung, an seinem „Versohnlertum“, an seiner unendlichen Geduld. Er wäre der allerletzte aus ,meinem Umfeld damals im KBW gewesen, dem ich einen Schuss aus einer scharfen Pistole zugetraut hätte – auch in größter Verzweiflung und Panik, die es bei KBW Kamikaze-Aktionen nicht selten gab.

    Zur „spurlos verschwundenen Dienstaffe“ des Einsatzleiters Zwergel im Wolfgänger Wald, wo er aus angeblicher Notwehr auf die Demonstranten schoss und ein erst spät der NHZ (neuen hanauer zeitung) zur Verfügung gestellltes Bild von Klaus Malorny zeigte deutlich dass von Notwehr überhaupt keine Rede sein konnte — dazu habe ich im März 1985 zwei Artikel in der NHZ geschrieben: „NHZ-Redaktion in den Knast – ein Nachspiel zu den Schüssen in Wolfgang“: gegen die NHZ wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verstoßes gegen das Fernmeldegesetz eingeleitet, weil sie den Mitschnitt des Polizeifunks zur angelbichen Notwehrsituation veröffentlichte und diese Veröffentlichung Grundllage für eine Anzeige gegen die Polizei wurde. Der Einsatzleiter und „NotwehrSchütze“ im Herbst 1984 namens Zwergel sollte 1985 dann den gestürzten sozial-liberalen Main-Kinzig-Polizeichef Gallus (Vater einer „autonomen“ Anti-Atom Tochter, die zwei Jahre später unter ungeklärten Umständen in Hanau ermordet wurde) auf Wunsch der CDU aber auch der SPD ersetzen.

    Die Dienstwaffe wurde bei den anschließenden Leibesvisitationen bei den eingekesselten Demonstranten nicht gefunden. Den Misserfolg bei dem Versuch die Situation zu eskalieren und die Stimmung in der Bevölkerung gegen die NuklearAnlagen jetzt gegen die entschiedensten AKW-Gegner zu kippen, musste die hessische Polizeiführung zwei Jahre später in einen Sieg gegen einen viel gößeren Feind verwandeln. Die Anti-StartbahnBewegung war dabei das politische Gefüge in Hessen mit der VolksentscheidsMobilisierung und ihrer Verankerung in der Bevölkerung und ihrem konfliktbereiten Auftreten aus den Angeln zu heben. Ein Beispiel, was Schule zu machen drohte mit noch stärkeren neutralisierenden Auswirkungen in den Polizeiapparat hinein als seinerzeit beim „Häuserkampf“ im Frankfurter Westend.
    Dafür war der inner Circle der politischen wie der polizeilichen Führung bereit auch Polizisten zu opfern. Die tödlichen Schüsse müssen von in die StartbahngegnerReihen eingeschleußten Spezialkräften der Polizei abgefeuert worden sein. Es gab in der Startbahnbewegung bis in die Reihen der autonomen eine klare Richtlinie, die nur Gewalt gegen Sachen erlaubte aber niemals Waffen-Gewalt gegen Menschen.

    Im Übrigen war auch dem Letzten noch klar, dass bewaffnete Aktionen den stärksten Trumpf der AntiStartbahnbewegung den Volksentscheid vernichten würde. Die Stimmung in der Bevölkerung würde gegen die Startbahngegner kippen. Das wusste die politische Führung, die Polizei und ihre Schlapphüte.

    Wennkein Demonstrant schoss, hätte die Polizei geschossen. Da kein Demonstrant geschossen hat …

    Ein sogar von der evangelischenLandeskirche unterstütztesd Hüttendorf mit eigener Kapelle läßt sich nur räumen, wenn eine „Schock-Strategie“ (Naomi Klein) den politischen Widerstand dagegen vom Tisch gewischt hat. Die DemonstratenSchüsse an der Startbahn sind genauso wahr, wie die Massenvernichtungswaffen im Irak Saddam Husseins und Rudolf Scharpings MaasakerBilder vom Kosovo.

    (der Name meines ExKBW-Genossen und angeblichen Startbahnschützen habe ich nach mehreren Schädelbrüchen leider vergessen -knn mir Mal jemand auf die Sprünge helfen resp. über die Sprünge in meiner schüssel?)

  2. Hallo Hartmut,
    der angebliche (undwahrscheinlich auch tatsächliche) Schütze heißt Andreas E.
    In deienr DArstellungfahlt jede Zeiteinteilung. Am 2.11.1987,als die Schüssse an der Startbahn fielen, war das Volksbegehren/Volksenscheid schon fünf Jahre abgeschmettert und die Massenbewegung gegen die Startbahn West Geschichte. Es versammelten sich zwar immer noch zwischen 80 und 300 Leuten sonntäglich an der Startbahn zum Kaffe trinken, zum Meinungsaustausch und einige auch zum gelegentlichen Streben knacken. Aber darüber hinaus reichte die Mobilisierungskraft der Startbahn-Inis nur noch in Ausnahmefällen. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Schüsse den „Volkentscheid“ diskreditiert hätten. In Geegenteil fielen die Schüsse zu einem Zeitpunkt,als die Startbahnbewegung ihren Zenit seit Jahren hiner sich hatte und allgemein eine gewisse Ratlosigkeit über das „wieweiter“ herrschte.
    Ein Genosse hat glaubwürdig vor Gericht ausgesagt, dass er Andreas E. am 2.11.1987 hat schießen sehen. Ein weitererr Genosse hat ausgesagt, dass er den ganzen Abend mit Frank H. zusammen war, den Andreas E. zuvor schwer belastet hatte. Wir müssen deshalb davon ausgehen, dass tatsächlich Andreas E. die Schüsse abgegeben hat. Da er über seine Motive nie gesprochen hat, können wir über die darüber nur spekulieren. Aber vielleicht wollte er die verlorene Schlagkraft der Anti-Startbahnbewegung durch härtere Mittel ausgleichen?

  3. Hallo Stephan, was die Verwechslung in der zeitschiene betrifft, hast du recht. Die Hoch-Zeit der Volksentscheidmobilisierung war ganz am Anfang der 80er Jahre, als in Hessen an der Starbahnfrage eine Spaltung der ÖTV drohte, wobei die FAG-Fans in der ÖTV siegten und letztlich ja auch ihren Anführer Herbert Mai vom Hessischen ÖTV-Chef-Sessel über den ÖTV-Bundesvorsitz in den FRAPORT-Vorstand als Arbeitsdirektor brachten. Aber strukturell stimmt meine These doch. Es waren vier erstarkende Bewegungen, die sich besonders in Hessen auch auf die Strukturen der Startbahnbewegung stützen konnten und auch über diese Strukturen begannen eine gute Verankerung über die linke-autonome Szene hinaus in der Bevölkerung zu entwickeln: es waren die die Anti-AKW-Bewegung (mit 25.000 in Wackersdorf, 16.000 in Hanau …) , die Friedensbewegung (nicht nur rund ums FuldaGap), die Volkszählungsboykottbewegung, und eine Grüne Partei, die zu dieser zeit noch stark außerparlamentarisch orientiert war und diese Bewegungen versuchte zu stärken und eine Verbindung zu der in Bewegung geratenden Gewerkschaftsbasis herzustellen.
    Die sich herausbildenden Netzwerke, die sich verstärkende Verankerung und die wachsende verbindung zu und mit den Gewerkschaften musste gestört werden. Nach Tschernobyl kurz vor dem 1. Mai 1986 waren die Herrschaften zunächst heftig verunsichert und in der Defensive und erhofften sich über die „Schock-Strategie“ wieder in die Offensive zu kommen.
    M.E.gehört auch die Ermordung Heinz-Herbert Karrys in de „schock-strategischen“ Überlegungen: Karry war so und so stark gefährdet, weil er Mitwisser von ZigMillionen-schweren Kartellabsprachen, von Schmiergeldflüssen und Betrügereien astronomischen Ausmaßes beim Frankfurter U-Bahnbau war. Außerdem eignete er sich als einer der entschlossensten Startbahnwest- Befürworter und Beschleuniger besonders gut als Opfer eines Attentats „aus der linken Ecke“. Wer Heinz-Herbert Karry tatsächlich ermordet hat, ist bis heute nicht geklärt. Wem hat dieser Mord genutzt: den Startbahn-Ausbauern , den VolksentscheidGegnern, den U-Bahnbau-Profiteuren…

    Die verantwortlichen politischen und polizeilichen Führungsebenen haben m.E. einen UnderCoverSpezialisten mit der in Wolfgang als verschwunden , als von Demonstranten entwendet gemeldeten Dienstwaffe gezielt in eine Gruppierung geschickt, von der sie sicher waren, dass sie in Hanau bei der Demonstration gegen die Nuklearbetriebe dabei war. Von deren Nähe zu den „sägenden Zellen“ sie ebenfalls informiert waren. Bei der zur Tatzeit herrschenden Dunkelheit und der herrschenden Panik wegen des äußerst brutalen Polizeieinsatzes war es für viele Beteiligte auch kaum möglich mit Sicherheit zu sagen wer sich gerade in der Nähe befand – egal ob mit oder ohne HassKappe. Und auch nicht, wer dort geschossen hat, ob Frank H., Andreas E. oder ein „autonom“ gekleideter öffentlich Bediensteter, der dann auch noch Andreas E. die Waffe mit dem Auftrag sie verschwinden zu lassen in die Hand drückt. Ohne dass Andreas E. in diesem Moment weiß, dass mit dieser Pistole gerade zwei Polzisten erschossen wurden.

    Das alles ist nur meine ganz subjektive Erinnerung.

    Gruß
    HaBE

  4. Ach so, Andreas E. war ein ausgesprochenes Weichei und konnte überhaupt nicht schiessen und vor den Luftgewehrschießübungen des KBW-SRK hat er sich immer gedrückt. Der war auch nicht bei der Bundeswehr. Und Pistolen kannte der höchstens aus dem Fernsehn.

    Wenn überhaupt, hat er eine von öffentlicher Hand gereichte geladene Pistole aus voller Hose abgedrückt und Querschläger haben die Polizisten getroffen oder es war einfach ein Scheiß Zufall, dass zwei Schüsse ins Dunkel überhaupt außer Zweigen noch Menschen getroffen haben -. es hätten auch Demonstranten sein können. Anreas E. hatte kein Nachtsichtgerät. Auch so hätte es den Umständen nach sein können. Und Andreas saß in der Falle und versuchte mit allen Mitteln sich vor zweiMal Lebenslang zu retten, den angeblichen Selbstmord in Stammheim noch gut in Erinnerung.

  5. Barth-Engelbart, von Sachen, von denen du keine Ahnung hast, solltest du frei nach Dieter Nuhr einfach mal den Mund halten.
    Überlass das erzählen lieber den Leuten die damals dabei waren und das Spekulieren gib liebr ganz auf. Danke.

  6. Ach Gottchen Jemand Anonymer, was meinst du denn wie ich dabei gewesen sein soll ? Ich habe ihm die in Hanau so wundersam verschwundene Pistole nicht gereicht. Aber Allwissender, warst du es vielleicht ? Ich liebe diese Schlaumeier, die sich keiner Auseinandersetzung stellen, aber kräftig in die Tastatur pinkeln.

  7. […] Veröffentlicht am 27. Oktober 2013 von Hartmut Barth-Engelbart Zum 26. Mal jährt sich demnächst der Tag, der den größten Rückschlag für linke emanzipatorische Bewegungen  in Hessen und der gesamten Bundesrepublik  brachte. Meines Erachtens war das ein hervorragend geplanter und perfekt durchgeführter Schlag von Geheimdiensten, die nicht nur eine sich ausbreitende und stabilisuiernde Linkswend in Deutschland zurückdrängen, sondern auch die sie tragenden Strukturen und Organisationen nachhaltig zerstören sollten. Der jahrelange Streit in diesen Strukturen über die Verantwortung, die Täterschaft bei den tödlichen Schüssen an der Startbahn West hat diese Strukturen bis in die Gegenwart gelähmt.  . Veröffentlicht 28. Oktober 2007 Allgemein , Anti-Nazi-Koordination , Polizei , Pressemitteilung , Termine , Veranstaltung 7 Kommentare […]

  8. Wer mit Dieter Nuhr’schen Kalauern argumentiert, der disqualifiziert sich schon dadurch. Dieser Scheibenwischer Hin- und Herrichter, ein toller mainstream-Spaßmacher. Der ist ne gute Nummer fürs endgültige Fronttheater…

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