Hessen und seine Nazis

logo_hessen.gifWas haben die Orte Nidda, Offenbach, Karben, der Main-Taunus-Kreis, Frankfurt, Mörfelden-Walldorf, Gießen und Wiesbaden gemeinsam? Sie liegen alle in Hessen und wurden / werden in den nächsten Tagen von NPD-Kundgebungen heimgesucht – es ist ja Wahlkampf. Worin besteht ihr Unterschied? Im Umgang der Stadtverwaltungen und Polizeiführungen dieser Orte mit den Nazis. Ein Lehrstück, in dem Frankfurt am Ende ganz schön übel aussieht:

Dezember 2007
Für den hessischen Landtagswahlkampf kündigt die neofaschistische NPD auf ihrer Homepage eine „Hessentour“ mit mehr als 100 Stationen in hessischen Städten und Gemeinden an. Die lange Liste enthält nur die Orte und Daten, nicht die genauen Treffpunkte und -zeiten. Sie müssen überall von den AntifaschistInnen erst recherchiert werden. Tolle Öffentlichkeitsarbeit der Nazis!

15.12.2007
Auftaktkundgebung in Offenbach
… äh: genauer gesagt: zweite Auftaktkundgebung: denn der Auftakt zum Auftakt sollte dann doch am 8.12. eine Demonstration in Nidda gegen einen Moscheebau der dortigen Ahmadiyya-Gemeinde sein. Der ganze Ort ist auf den Beinen und demonstriert gegen eine Handvoll NPD-KameradInnen. Die Polizei bleibt weitgehend im Hintergrund.
Und jetzt kommt dann aber der richtige Auftakt in Offenbach. Dort begleiten 500 AntifaschistInnen genau 67 Nazis einschließlich Bundesvorsitzendem, bewerfen ihn vor den Augen der Polizei mit stinkendem Fisch, lassen ihn seine Rede unter dem Dröhnen von Kichenglocken halten und blockieren schließlich eine Kreuzung kurz vor dem Zugang zur Innenstadt. Der Polizeipräsident schickt den NPD-Landesvorsitzenden persönlich mit den Worten heim: „Mein Herr, es reicht jetzt. Sie kehren jetzt um„. Die Nazis ziehen ab.

12.1.2008
In Karben wollen die Nazis vor dem Werkstor von VDO/Continental demonstrieren. Der Erste Stadtrat der Gemeinde verbietet den Auftritt kurzerhand und erfolgreich. Trotzdem demonstrieren Belegschaft und Bevölkerung gemeinam mit Stadtrat Jochen Schmidt vor dem Werkstor zum Zeitpunkt der von den Nazis angemeldeten Demo. Von der Polizei ist weit und breit nichts zu sehen!

17.1.
In vier Orten des Main-Taunus-Kreises (Hochheim, Flörsheim, Hattersheim, Bad Soden) erwarten zusammengenommen einige Hundert AntifaschistInnen aus vielen unterschiedlichen Gruppen des „Bündnis gegen rechts MTK“ gemeinsam die NPD. Sie taucht nicht auf. Die Polizei auch nicht.

18.1.
Für Frankfurt am Main, jene Stadt, deren Polizeiführung den Nazis 2007 wahrlich Rosen auf den Weg gestreut hat, hat die NPD von tiefer Dankbarkeit erfüllt gleich 5 Kundgebungen angemeldet. Sie wird von protestbereiten Angestellten der Städtischen Kliniken Höchst, Antifas, Mitgliedern der Evangelischen Jugend, MitstreiterInnen der Anti-Nazi-Koordination an allen Punkten schon erwartet. In Höchst, dem ersten Ort der Tragikomödie, hält sich eine halbe Hundertschaft Bereitschaftspolizei im Hintergrund, obwohl zu diesem Zeitpunkt die NPD bereits selber abgepfiffen hat: wie von Geisterhand verschwindet an diesem Tag die tolle Ankündigungsliste mit der „Hessentour“ der NPD von ihrer Homepage.

19.1.
In Frankfurt demonstriert die NPD mit knapp Hundert KameradInnen, beschützt von mindestens 1000 PolizistInnen, deren Hauptgegner schon vom Auftreten der Ordnugshüter her die 1200 GegenemonstrantInnen zu sein scheinen. Der Sicherheitsdezernent der Stadt hatte vorher behauptet, ein Verbot des Auftritts der NPD hätte juristisch keine Chance, was, wie ein Blick nach Karben zeigt, Unsinn ist. Die Polizei setzt den NPD-Auftritt und seine volksverhetzenden Sprüche unter anderem mit rechtswidrigen Methoden (Durchsuchungszelte für Nazigegner) durch. Der gesamte Römerberg, Schauplatz einer von der NSDAP am 10. Mai 1933 durchgeführten Bücherverbrennung, ist vergittert wie noch nie. Etwas hilflos wehen Transparente des Protestes an den altehrwürdigen Fachwerkfassaden von Frankfurts „Gut Stubb“ über dem Gitterszenario, als fühlten sie sich von dessen Anblick schon wieder in Frage gestellt. Antifaschistischer Protest ist nur im Pferch und nach vorheriger Durchsuchung sowie Verzicht auf solch gefährliche Gegenstände wie eine Trillerpfeife erlaubt. Viele AntifaschistInnen, auch die Anti-Nazi-Koordination, ziehen es vor, unter diesen Bedingungen vor den Polizeiabsperrungen gegen solche Zustände zu demonstrieren, andere stören auf dem Römerberg erfolgreich die NPD, die laut Bericht der FAZ entnervt eine Stunde vor dem geplanten Ende der Veranstaltung abbricht. Hauptredner ist der sächsische Landtagsabgeordnete Holger Apfel, dem die Welt die Wortschöpfung „Bombenholocaust“ als Bezeichnung für alliierte Luftangriffe auf Nazi-Deutschland während des 2.Weltkrieges verdankt.
Und wir danken Polizei und Magistrat gebührend dafür, diesem Faschisten einen Auftritt in Frankfurt ermöglicht zu haben!

22.1.
Auch das rote Mörfelden-Walldorf und der Kreis Groß-Gerau stand auf der mittlerweile in der Versenkung verschwundenen Reiseliste des NPD-Wanderzirkus. Die Bevölkerung samt Bürgermeister, Pfarrern, SchülerInnen und Lehrern ist 700 Personen hoch auf den Beinen und wartet auf die Nazi-Truppe, um ihr gehörig Bescheid zu stoßen (Fotos folgen). Wer vorsichtshalber gar nicht erst kommt: Wöll und Anhang. Die Polizei tut ihr Bestes und sorgt für einen störungsfreien Straßenverkehr.

24.1.
Nazis kündigen an diesem Tag in Gießen ihr Kommen an. AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen beantworten das mit der Ausrufung des Tages zum Antifaschistischen Aktionstag. Man darf gespannt sein, was die Polizei des landauf, landab von Herzen beliebten künftigen Ex-Innenministers Volker B. in dessen Heimatstadt da so vorhat.

26.1.
Das sollte mal der krönende Abschluß werden: drei Faschistenauftritte am Tag vor der Landtagswahl in der Landeshauptstadt. Denkste! Der Magistrat der Stadt verbietet den groben Unfug schon gewohnheitsmäßig. Wir sind doch hier in Wiesbaden und nicht in Frankfurt …
Das Wiesbadener Bündnis gegen Rechts läuft sich seit Tagen warm.
Ob Wölls Wanderzirkus nochmal auftaucht? Wir sind gespannt!

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10 Gedanken zu “Hessen und seine Nazis

  1. hallo liebe ANK,
    wann und wo trefft Ihr Euch denn so oder habt irgendwelche offenen plenas? Ich find nirgendwo etwas wie mensch sich als InteressierteR euch mal kennenzulernen. Grüsse s.o

  2. hallo o,
    unser nächster Sitzungstermin wird Anfang Februar stattfinden. Er wird demnächst auf dieser Homepage veröffentlicht!

  3. „AntifaschistInnen und GewerkschafterInnen beantworten das mit der Ausrufung des Tages zum Antifaschistischen Aktionstag. Man darf gespannt sein, was die Polizei des landauf, landab von Herzen beliebten künftigen Ex-Innenministers Volker B. in dessen Heimatstadt da so vorhat.“

    Na das kann ja fast egal sein, was die Polizei vorhat. Fraglich ist eher was man dem entgegensetzen kann…

    Wäre ja auch fatal wenn die braunen Bioorganismen in Gießen auf zu wenig Widerstand treffen würden…

    Blöd allerdings auch, dass ich erst nachmittags bis abend da sein werde und nicht bekannt ist wann und wo die Typen aufmarschieren wollen…

    …und ich bin nach wie vor der Ansicht, man sollte – falls sich die Polizei wieder irgendwelche Schikanen ausdenken sollte – ernsthaft darüber nachdenken, wie man „Otto Normalverbraucher“ am eindrucksvollsten zum Nachdenken anregen kann. Eben nicht indem man das Klischee der „Unruhestifter“ pflegt, sondern indem man die Situation szenisch umsetzen könnte. Ich denke da ist echt Phantasie gefragt…

  4. Hallo,

    wir möchten uns auch hier noch einmal ganz deutlich von dem Verdacht distanzieren, wir hätten auch nur im Entferntesten etwas mit rechten oder ultrarechten Parteien oder Gruppierungen am Hut und würden diese unterstützen.
    Wer uns kennt, weiß, daß eine solche Unterstellung völliger Blödsinn ist. Selbstverständlich solidarisieren wir uns mit den Kämpfern gegen Nazis in Hessen und wo auch immer sie auftreten.

    Gruß

    Mob
    -i.A. Rodgau Monotones –

  5. wer sollte den wo die monotones mit faschos in verbindung gebracht haben? ist mir nicht bekannt und doch auch ziemlich absurd

  6. Die NPD hat mW. auf de Römerberg „Erbarme – zu spät ..“ gespielt. Vielleicht bezieht sich der Beitrag darauf.

  7. Das konnte ich glücklicherweise nicht hören ;-)

    Aber diese Idioten spielen auf ihren Aufmärschen ja auch mal TonSteineScherben, WirsindHelden oder sonstwelche Musiker, die fern von dem Verdacht stehen mit diesem Volk etwas gemein zu haben.
    Wen man nix eigenes hat….Frank Rennicke groovt ja nicht so und Landser und Konsorten sind auch nicht wirklich bürgernah.

    Mich würde ja langsam lieber mal eine distanzierende Reaktion vom 1.FFC interessieren. Ich glaube wenn der braune Schmockhaufen in einem Eintracht-Bus gekommen wäre würde ein größerer Sturm der Entrüstung durch die Frankfurter Fanszene gehen.

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