Das ist Fortschritt: dieses Jahr gibt es kein antisemitisches Passionsspiel zu Karfreitag – aber dafür ein Feuerwerk im Hessencenter. Super!

358-milliardare.jpg Das Frankfurter „Hessencenter“ plant in diesem Jahr eine besondere Attraktion: während des gesamten Gründonnerstags bleibt der Laden offen, und zwar bis 24 Uhr, und dann, also mit Beginn des Karfreitags, endet das Spektakel mit einem Feuerwerk!
(Plakat: Arbeiterfotografie)

Für die NichtchristInnen unter uns: der Gründonnerstag ist der Gedenktag des Abschieds Jesu von seinen FreundInnen und SchülerInnen am Abend der Feier des jüdischen Pessachfestes (Abendmahl), sowie der Tag seiner unmittelbar folgenden Verhaftung. Am dann folgenden Karfreitag gedenken ChristInnen weltweit der Hinrichtung Jesu durch die damalige römische Besatzungsmacht.

Im Mittelalter waren diese Tage oft, auch in Frankfurt, von antisemitischen Pogromen begleitet, ausgelöst durch den öffentlichen theaterförmigen Nachvollzug der letzten Tage Jesu (sog. Passionsspiele). Dabei wurde – gegen die historische Wahrheit – die Schuld am Tod Jesu „den Juden“ in die Schuhe geschoben – kein Wunder, beriefen sich doch die damaligen staatlichen Mächte auf ihre Abstammung von den römischen Kaisern („Heiliges Römisches Reich“). Wer sich über den wahrscheinlichen Verlauf des Prozesses Jesu vor den römischen Machthabern wahrheitsgemäß informieren möchte, lese die präzise historische Arbeit des ehemaligen Richters am Obersten Israelischen Gericht, Chaim Cohen, Der Prozeß und Tod Jesu aus jüdischer Sicht (zur Diskussion seiner Thesen vgl. die differenzierte Rezension des evangelischen Theologen Gerd Theissen). Danach ist historisch völlig klar: ein politisches Interesse am Tod Jesu von Nazareth hatten zunächst mal die Römer als damalige Besatzungsmacht in Palästina, und ncht etwas die jüdischen Tempel-Autoritäten.

Dieses Jahr veranstaltet das Empire kein antisemitisches Passionsspiel, aber dafür ein Feuerwerk zu Karfreitag.
Das ist super und ein echter Fortschritt!

Zur globalen Überlegenheit des Kapitalismus gehört eben nicht nur, daß die kapp 400 Dollarmilliardäre der Erde mehr Geld besitzen, als 50% der menschlichen Weltbevölkerung, sondern daß sich diese Wirtschafts- und Gesellschafts(un)ordnung in den säkularen Tempeln ihres Götzendienstes auch noch am Karfreitag selber feiert – gleichsam auf den Leichen der an diesem einzigen Tag zu beklagenden Todesopfer der Marktwirtschaft in Gestalt von etwa einhundertfünfzigtausend Hungertoten trotz globaler Nahrungsmittel-überproduktion (vgl. Jean Ziegler, Sonderbeauftragter der UN für das Menschenrecht auf Nahrung, Das Imperium der Schande, Frankfurt 2005; aktuelles Interview mit ihm zu dieser Frage hier).

Keine Form des angeblichen Zivilisationsfeindes Islam oder gar des weltanschaulichen Atheismus hat je die Botschaft vom Leiden und Sterben Jesu von Nazareth wirksamer, massenhafter, scheinbar harmloser und spaßorientierter verhöhnt – selbstverständlich im Namen der sogenannten Freiheit. Das sollte gebührend begleitet werden – zum Beispiel durch viele kleine dezentrale Aktionen am Ort des Spektakels?

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11 Gedanken zu “Das ist Fortschritt: dieses Jahr gibt es kein antisemitisches Passionsspiel zu Karfreitag – aber dafür ein Feuerwerk im Hessencenter. Super!

  1. Darüber sollten sie sich dann vor dem Hintergrund der oben skizzierten Argumentation dann mal Gedanken machen! Oder stimmt etwas an dieser Argumentation nicht?

  2. An der Argumentation stimmt nicht, dass man vielleicht kritisieren kann, dass die Feiern (wobei ich dass etwas arg lustfeindlich fände). Dass man aber aus nichtchristlicher Sicht logischerweise es nicht besonders kritisierenswert findet, dass sie das „ausgerechnet“ an Karfreitag tun. Irgendwie scheinst Du einen Zusammenhang zu sehen zwischen den mittelalterlichen Pogromen und der neuen Feier, das bleibt aber völlig unverbunden in dem Text.

    Ganz generell finde ich es nicht besonders glücklich solche leicht missionarischen Texte auf dieser Seite zu platzieren, die ja ein weltanschaulich unabhängiges Bündnis repräsentiert. Mach doch dafür ein eigenes Blog „Frankfurter Christen gegen Nazis“ oder so und pack das in die Blogroll, dann wird es auch gefunden.

  3. Soviel ich weiß ist das ein säkulärer Staat hier und ich wüßte nicht was es für ein Problem sein soll an Karfreitag ein Feuerwerk zu veranstalten, so what? Schlimm genug das in Diskotheken an diesem Tag erwachsenen Menschen bis 24 Uhr das Tanzen verboten wird weil vor 200Jahren einer ans Jreuz gehängt wurde.
    Und was das Ganze mit AntiNazi zu tun hat wurde ja zurecht schon gefragt…..

  4. Spannende Reaktion – sind es sonst nicht häufig gerade die Freunde der Antifa, die sich gegen eine Trennung der grundsätzlichen, nämlich kapitalistischen gesellschaftlichen Strukturen von der Frage des Antifaschismus ausprechen und statt „nur“ gegen Nazis lieber „ums ganze“ kämpfen wollen? Und sind es nicht die oben benannten kapitalistischen Strukturen, die tagtäglich weltweit töten? Und ist es etwa nicht genau die bürgerliche Gesellschaftsordnung, die dampfwalzenartig jede Form der Rücksicht auf alles, was nicht mit dem Geschäft zu tun hat niedermacht, wie nun zB. den Karfreitag, um sich selber zu feiern wie nun im Hessencenter? Ist das eine Errungenschaft, die Du gut findest? Ein gewisser Karl Marx hat dazu gemeinsam mit einem gewissen Friedrich Engels im 1. Kapitel des Manifest seinerzeit Folgendes festgestellt: „Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt. … Die forwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. … Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht …“. (MEW 4, 465). Diese Form des gesellschaftlichen Lebens, dieses Herrschaftsverhätlnis grundsätzlich aufzuheben ist doch nicht nur deshalb dringend nötig, weil sein äußerster, konsequenter, terroristischer Ausdruck der Faschismus an der Macht ist!

    Im Übrigen: Dir persönlich zu jeder Zeit viel Spaß in der Disco – aber die hier verhandelte Frage ist aus meine Sicht nicht privater, sondern öffentlicher und grundsätzlicher Natur!

  5. Aber nur weil ich den Kapitalismus los werden will, will ich ja noch lange nicht das „Ständische und Stehende“ zurück…

    und der Faschismus zeichnet sich ja durchaus auch durch einen reaktionären Rückbezug auf solches „Ständische und Stehende“ aus…

    Ob jetzt Kapitalismuskritik und Antifaschismus zwingend zusammengehören, darüber kann man sicher streiten, aber ob gerade die Ratzinger-Version der Kapitalismuskritik besonders taugt für den Antifaschismus, da hätte ich dann doch erhebliche Zweifel.

  6. Du wirst ja wohl den obigen Text und seine Intention von Ratzingers Gesellschaftsbild unterscheiden können, oder?

  7. Liebe Sybille, lies doch bitte mal das oben verlinkte Interview mit Jean Ziegler in Ruhe durch.
    Sein Satz, daß der Neoliberalismus an sich bereits ein mörderisches System ist, scheint mir unwiderlegbar zu sein. Stelle selber mal die makabre Rechnung an, wie lange (bzw. kurz!) es dauert, bis bei von diesem System zu verantwortenden 150.000 Hungertoten pro Tag (!) die Zahl der 55 Millionen Opfer des 2. Weltkrieges erreicht ist und mach Dir klar, daß nach dieser kurzen Zeit der Irrsinn dann aber nicht aufhört, sondern weitergeht, Tag für Tag – und das, obwohl für alle genug zu essen produziert werden könnte. Jean Ziegler hat das bei anderer Gelegenheit so ausgedrückt: „Wer heute verhungert, wird in Wahrheit ermordet.“
    So ist es! Die kapitalistische Marktwirtschaft ist eine für jedermann und -frau bestens sichtbare Mordsveranstaltung.
    Und von wem veranstaltet?
    Es sind doch genau die selben gesellschaftlichen Kräfte, die dieses von den Exzessen des Faschismus nicht weit entfernte Gemetzel der Reichen gegen die Armen der Erde zu verantworten haben, die zugleich nach dem Motto leben „Nach uns die Sintflut“ und alles, was nicht irgendwie direkt zu vermarkten ist, verächtlich, achtlos und konsumgeil mit Füßen treten (vgl. den oben zitierten Abschnitt aus dem „Manifest“).
    Genau dazu gehören auch Vorgänge wie ein Funshopping mit Feuerwerk an Gründonnerstag und Karfreitag (ich würde mich genauso dagegen wehren, wenn es solche perversen Konsumfeierexzesse an einem islamischen, jüdischen oder sonstwie Feiertag gäbe). Angesichts der bitteren weltweiten Situation, wie sie Ziegler benennt, gibt es an Konsum nichts, aber auch gar nichts zu feiern, vielmehr ist jede Unterbrechung dieses mörderischen Schwachsinns von uns mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, und seien es religiöse Feiertage – und zwar im Bündnis mit denen die hier, in unserer Gesellschaft daran nichts zu feiern, sondern selbst an den feiertagen noch zu arbeiten haben, seien sie religiös oder nicht! Soviel zu dem für mich maßgeblichen Hintergrund des obigen Artikels. Deine Haltung zu dieser Frage ist mir entschieden zu „liberal“ und deutlich zuwenig radikal!

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