Zum Führungswechsel in der NPD Hessen

Unter dem Titel „Auf den »Zwergen-Retter« folgt eine »Lachnummer«“ verbreitet die Nachrichtenagentur ddp derzeit eine politische Interpretation des Führungswechsel in der Hessen-NPD, die zB. im Internet-Nachrichtendienst „Linie1 Online-News“ veröffentlicht wird. Auch wenn wir nicht der Ansicht sind, daß die hessischen Nazis nun etwa zu ungefährlichen Lachnummern mutiert wären, halten wir den Kern dieses Artikels für bedenkenswert:

Auf den »Zwergen-Retter« folgt eine »Lachnummer«
Hessische NPD wechselt ihren Vorsitzenden aus – Experten sehen keine neue Strategie

Kassel (ddp-hes).
Selbst seine Kameraden verspotteten ihn als »Zwergen-Retter«. Hoch zu Ross war Marcel Wöll im Wahlwerbespot der hessischen NPD herangeritten, um drei fleißige deutsche Zipfelmützenzwerge vor einem – natürlich dunkelhaarigen – Ausbeuter zu bewahren. Jetzt ist für den unfreiwillig komischen Reiter Schluss: Nach knapp zwei Jahren an der Spitze der rechtsextremen Partei in Hessen gab der 24-Jährige auf und trat zurück. Neuer Landeschef ist der 33-jährige Jörg Krebs, NPD-Stadtverordneter in Frankfurt.

Offiziell begründete Wöll, der bundesweit zu den rechtextremen Aktivposten gehört hatte, seine Entscheidung mit »privaten Gründen«. Kenner der rechten Szene beschreiben ihn als »ausgebrannt«. Sogar bei einer neonazistischen »Nachrichten«-Sendung, die im Internet abzurufen ist und die er ins Leben gerufen hatte, lesen mittlerweile andere die Propagandatexte vor. Doch bedeutsamer dürfte etwas anderes sein: Der einstige braune Hoffnungsträger hat zuletzt viel von seinem Ansehen in der Szene verspielt – und das nicht nur wegen des Zwergenfilms.

Bei der Hessen-Wahl Ende Januar blieb die NPD mit 0,9 Prozent der Stimmen knapp unter der Grenze der Kostenerstattung. Von mehr als 100 angekündigten Wahlkampfkundgebungen waren Dutzende ausgefallen oder kläglich in Protesten von Gegendemonstranten untergegangen. Und statt wie angekündigt mehr Jugendliche für die Partei zu gewinnen, hatte Wöll für die faktische Auflösung der Nachwuchsorganisation »Junge Nationaldemokraten« (JN) gesorgt: Weil er sich mit dem JN-Landesvorsitzenden Simon Zimmermann zerstritt, verabschiedeten sich auch die Mitglieder, und Zimmermann machte schließlich sogar als Nazi-Aussteiger Furore.

»Er ist gescheitert«, meint Kirsten Neumann vom Mobilen Beratungsteam gegen Rassismus und Rechtsextremismus (MBT) in Hessen. Für den Rückzug des Butzbachers macht sie aber auch die aktuelle Diskussion über ein neues Verbotsverfahren gegen die rechtsextreme Partei verantwortlich: »Die NPD muss sehen, dass sie Saubermänner im Vorstand hat.« Wöll jedoch ist mehrfach vorbestraft und sitzt in einem Berufungsverfahren bald wieder auf der Anklagebank.

Wölls Nachfolger Jörg Krebs dagegen hat derzeit nicht mit Strafverfolgung zu kämpfen. »Er ist eine Person, die Solidität und seriöses Auftreten verspricht«, meint der Hessen-Experte des Antifaschistischen Pressearchivs und Bildungszentrums (APABIZ) in Berlin, Michael Weiss. Dennoch hält er die Wahl des Frankfurters zum NPD-Chef für eine »Lachnummer«. Krebs sei »sozial und politisch inkompetent und geistig limitiert, um es mal vorsichtig auszudrücken«, sagt Weiss. Pfarrer Hans Christoph Stoodt von der Anti-Nazi-Koordination Frankfurt sieht das ähnlich: Krebs sei »ein eher glücklos agierender und isolierter Stadtverordneter im Römer.«

Wahrscheinlich sei der 33-Jährige, meinen beide, nur eine Art Übergangs- oder Verlegenheitslösung. Denn eigentlich hätte der Mainzer Student und braune Multiaktivist Mario Matthes Parteivorsitzender werden sollen. Doch gegen den 23-Jährigen wird wegen einer Attacke gegen einen Antifaschisten auf dem Mainzer Uni-Campus ermittelt. Vielleicht musste sich Matthes deshalb erst einmal mit dem Posten eines Vizechefs zufriedengeben.

Matthes kommt wie Wöll aus der Szene der neonazistischen »Freien Kameradschaften«, mit denen die NPD seit einigen Jahren den Schulterschluss sucht. Krebs hingegen ist eher Parteisoldat: Nach drei Jahren in der rechtsextremen Deutschen Volksunion (DVU) trat er 1999 in die NPD ein. »Er ist niemand, der den Kontakt zu den militanten Kameradschaften sucht«, sagt Michael Weiss. »Er wird wohl mehr auf die Parteidisziplin pochen als Wöll – das kommt in der Kameradschaftsszene nicht so gut an.«
Eine Abkehr von der Strategie, die »freien Nationalisten« in die Partei einzubinden, aber ist mit der Wahl von Jörg Krebs wohl nicht zu erwarten: »Die NPD kann sich keine Verluste mehr leisten und braucht die Kameraden einfach«, meint MBT-Beraterin Neumann. »Außerdem haben vielerorts ohnehin eher die Kameradschaften die NPD übernommen als umgekehrt.«
(ddp)

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