10. Mai: 75 Jahre faschistische Bücherverbrennung auf dem Römerberg

Bücherbrennung RömerbergAm 10. Mai 1933 verbrannten Nazi-Studenten unter Führung des damaligen evangelischen Studentenpfarrers Otto Fricke auf dem Frankfurter Römerberg die Schriften mißliebiger, oppositioneller, jüdischer Autorinnen und Autoren.
ffm roemerberg gedenktafel buecherverbrennungAn die Stelle, wo das geschah, erinnert heute eine Plakette mit den Worten Heinrich Heines: „Das war ein Vorspiel nur – dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen!„.
Am 10. Mai 2008 wird eine von vielen verschiedenen antifaschistischen Organisationen getragene Gedenkveranstaltung auf dem Römerberg stattfinden – der genaue Zeitpunkt wird noch bekanntgegeben. Auch die Anti-Nazi-Koordination wird daran beteiligt sein.

An den 10. Mai 1933 erinnert eine biographische Notiz Hannah Tillichs (gestorben 1988 ), Ehefrau des damals in Frankfurt lebenden evangelischen Theologen und späteren Exilanten Paul Tillich (u.a. Autor der Schrift „Die sozialistische Entscheidung“). Tillichs mußten aus einem Fenster eines am Römerberg gelegenen Haus mit ansehen, wie neben vielen anderen politischen und literarischen Werken auch die den Nazis verhassten Texte des Theologen – von einem Kollegen! – verbrannt wurden. Otto Fricke wandelte sich später zum Nazi-Gegner, gehörte seit 1934 zur Bekennenden Kirche und wurde noch später in „Schutzhaft“ genommen:

„Die Bücherverbrennung wurde von einem jungen Geistlichen geleitet. Wir verfolgten das Ereignis vom Fenster eines Hauses, das auf den berühmten alten Marktplatz blickte. Es hatten sich nur wenige Schaulustige eingefunden. Aber da stand der mit Büchern gefüllte Karren, da brannte das Feuer, und da war der junge Pfarrer, der die Bücher in die Flammen warf. Paul wandte sich mit einem Fluch ab. Ich sah hin. Ich wollte diesen Augenblick nie vergessen und verhärtete mein Herz für immer gegen jedes wärmende Gefühl, das ich vielleicht noch einmal für `die Deutschen´ aufbringen würde

(Hannah Tillich, „Ich allein bin. Mein Leben“, 1993)

Bericht über die Bücherverbrennung auf der Seite http://www.frankfurt1933-1945.de/

Ein nicht nur mit Büchern hoch beladener, von zwei Ochsen bespannter Wagen zog am Abend des 10. Mai in Begleitung von Dozenten, Studenten, SA und SS zum Römerberg, wo er gegen 21 Uhr eintraf. Der Wagen, mit dem üblicherweise der Stallmist auf die Felder gefahren wurde, war von einem Frankfurter Landwirt gemietet worden. An der Spitze des Zuges spielte eine SS-Kapelle Märsche, dann folgten NS-Dozentenschaft und NSDStB in Uniform und mit Fahnen, am Ende marschierten die studentischen Korporationen in vollem Wichs und mit ihren Fahnen. Laut Bericht des „Frankfurter Generalanzeigers“ vom 11. Mai 1933 harrten auf dem Römerberg etwa 15.000 Frankfurterinnen und Frankfurter des Ereignisses, auf das Pressemeldungen schon Tage zuvoraufmerksam gemacht hatten.

Die SS-Kapelle intonierte beim Eintreffen des Zuges auf dem Römerberg den Chopin’schen „Trauermarsch“. Der Mistwagen hielt neben dem Scheiterhaufen, den nationalsozialistische Studenten am Nachmittag errichtet hatten. Zudem standen einige Kanister Benzin bereit. Dann bestieg Hochschulpfarrer Otto Fricke den Holzstoß. Er verglich die anstehende Bücherverbrennung mit Luthers Verbrennung der päpstlichen Bannbulle und der Verbrennung von als reaktionär geltender Schriften und Gegenstände durch studentische Burschenschaften 1819 auf der Wartburg. Den anstehenden Verbrennungsakt wollte Fricke als Beweis dafür verstanden wissen, dass „undeutscher Geist“ endgültig von der „deutschen“ Hochschule verbannt sei und das „deutsche Volk“ wieder zu sich selbst gefunden habe. Mit einem „Heil“ auf das „deutsche“ Vaterland und den „Volkskanzler Adolf Hitler“ schloß der evangelische Studentenseelsorger die Ansprache.

Laut dem Bericht des „Frankfurter Volksblatts“ vom 11. Mai 1933 waren bereits die zum Römerberg führenden Straßen so überfüllt, dass Polizei und SA frühzeitig Absperrungen vornehmen mussten. Die Bücherverbrennung feierte Fricke laut „Volksblatt“ als „Bekenntnis zum deutschen Wesen“ und „zur von Hitler geführten Revolution“. Im Anschluss an die Rede wurde die 1. Strophe des alten Studentenliedes „Burschen heraus!“ gesungen. Dann sprach Hochschulgruppenführer Georg Wilhelm Müller. Er bezeichnete die anstehende Verbrennung als „symbolisches Bekenntnis zum neuen Staat und zum deutschen Geist“ und nannte die Namen der Autorinnen und Autoren, deren Werke vom Wagen in das Feuer geworfen wurden: Karl Marx, Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki, Heinrich Mann und Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger und Alfred Döblin, Erich Maria Remarque und Ludwig Renn, Jacob Wassermann, Emil Ludwig, Clara Zetkin, Erich Kästner, Franz Werfel, und, so das „Frankfurter Volksblatt“, „viele andere“. Die SS-Kapelle intonierte das Horst-Wessel-Lied, die Menge sang, „und mit Hochrufen auf den Reichskanzler Hitler“ („Generalanzeiger“) oder „einem dreifachen Sieg-Heil auf Hitler“ („Frankfurter Volksblatt“) endete die Bücherverbrennung.

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