„Neues von der NPD“ – aus: Swing, Nr. 152

In der Ausgabe 152 des „Swing“ findet sich eine ausführliche Analyse zur derzeitigen Verfassung der hessischen NPD. Nachdem Marcel Wöll als Landesvorsitzender abgehalftert wurde, fungiert der Frankfurter Stadtverordnete Jörg Krebs eher als Platzhalter auf Zeit, bis sich ein anderer Exponent des NS-völkischen Kameradschaftsflügels der NPD, möglicherweise Mario Matthes, als stark genug erwiesen hat, Wöll zu beerben. Wöll selber ist übrigens keineswegs inaktiv. Er wurde zum Beispiel mit seinem bekannten roten Kleinbus bei den Nazi-Mai-Demo (-versuchen) in Kaiserslautern und Neustadt gesichtet, wo er hektisch mit der Polizei zu telefonieren schien, als es eng für ihn wurde. Es folgt der Artikel aus „Swing“:

Am 6. April wurde auf dem Landesparteitag der NPD in Büdingen ein neuer Landesvorstand gewählt: Der Frankfurter NPD-Vorsitzende Jörg Krebs löst Marcel Wöll aus Butzbach-Hochweisel als Landesvorsitzenden ab. Nicht nur in der antifaschistischen Bewegung hat diese Wahl Verwunderung ausgelöst, denn Krebs ist aufgrund seiner sozialen und politischen Inkompetenz in der NPD weitgehend isoliert. Die Wahl von Jörg Krebs ist aus der Not enstanden, sie ist das Ergebnis einer dünnen Personaldecke und interner Konflikte. Auf dem absteigenden Ast ist die NPD im Rhein-Main-Gebiet dennoch nicht. Die Probleme verlagern sich. Insbesondere der Kreisverband Wiesbaden/Taunus und der Kreisverband Wetterau treten immer selbstbewusster und aktionistischer in Erscheinung.

Dass Wöll als Landesvorsitzender kaum mehr zu halten war, war spätestens nach der vergurkten Landestagswahl klar. Wöll hatte in den vergangenen Jahren hoch gepokert. Nach der faktischen Übernahme der hessischen NPD durch „seine“ Freien Nationalisten Rhein-Main, hatte er den Alleinherrscher gespielt und mit arroganten, bisweilen größenwahnsinnigen Tönen die altgedienten Funktionäre in einigen Kreisverbänden verprellt und politisch kaltgestellt. Es war klar, dass die „Alten“ – angeführt vom Wölfersheimer NPD-Vorzeige-Opa Volker Sachs – nur darauf warteten, es dem Emporkömmling Wöll heimzuzahlen. Sein Wahlkampf war geprägt von Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung: Zunächst der berühmte Wahlwerbespot, in dem Marcel Wöll hoch zu Ross drei Zwerge vor dem bösen Ausbeuter schützt und der ihm in seiner (peinlich berührten) eigenen Szene den Spitznamen „Zwergenretter“ verschaffte. Großspurig angekündigte Aufmärsche in Frankfurt (Römerberg) und Offenbach gerieten zur Farce, als die jeweils kaum 100 Neonazis von der Polizei vor AntifaschistInnen geschützt werden mussten und von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmt waren. Dann die vollmundige Ankündigung über 100 Wahlveranstaltungen durchzuführen, wobei das NPD-Grüppchen nach gerade mal einem Drittel der Veranstaltungen aufgrund des zum Teil massiven antifaschistischen Widerstandes entnervt aufgab. Und schließlich das Wahlergebnis, bei dem die NPD mit 0.9% weit unter ihren Erwartungen blieb und die fehlende Wahlkampfkostenrückerstattung nun ein spürbares Loch in den Etat des Landesverbandes reißen wird. Auch die Kameraden, die in Wölls Windschatten in Ämter kamen, sind zunehmend umstritten. So zum Beispiel sein Adjutant Christian Müller, Vorsitzender des Ortsverbandes Butzbach, dem seit längerem mangelnder Einsatz für die Partei und mangelnde Identifikation mit der Partei vorgeworfen wird.

Wöll wirkte die letzten Monate ausgebrannt. Eine zusätzliche Belastung für ihn, seine Familie und das gesamte „nationale Wohnprojekt“ in Hochweisel besteht zudem darin, dass die Neonazis im Stadtteil zunehmend isoliert werden konnten. Von einem Ende der Karriere von Marcel Wöll zu sprechen, wäre indes verfrüht. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob er in der Zukunft mit neuer Kraft einen zweiten Anlauf in der NPD starten wird, oder ob sich seine politischen Aktivitäten verlagern – beispielsweise in die „Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) (siehe frühere Swing) , die sich in Butzbach mittlerweile wohleingerichtet hat und dort eine bedenkliche Funktionärsdichte aufweisen kann: Neben den HDJ-FunktionärInnen Josef Jaschkowsky und Gunhild Marx ist nun auch die Führerin der HDJ-Einheit Hessen Annika Ringmayer dort ansässig geworden. Zu den regelmäßigen Teilnehmern auf HDJ-Lagern in Nah und Fern zählen nahezu alle BewohnerInnen des Nationalen Wohnprojektes in Hochweisel. Das Osterlager 2008 der HDJ, das in Sachsen stattfand, wurde als „Jugendgruppe aus Butzbach-Hochweisel“ angemeldet.

Was Jörg Krebs zum Landesvorsitzenden prädestiniert, ist schwer zu ergründen. Eine Hausmacht hat er nicht – in Frankfurt liegt er im Streit mit dem hiesigen Kreisverband um Mike Ertl und Christian Oswald und auch sein Verhältnis zum bisherigen Landesvorstand war von kühler Distanz geprägt. Die Freien Kameradschaften sind auch nicht sein Ding. Medienberichten, die Krebs als „Lachnummer“ und als „geistig limitiert“ bezeichnen, ist zwar zuzustimmen, jedoch geben sie nur den Blick von außen in die NPD wieder. Innerhalb der NPD hat allzu viel Intelligenz der eigenen Karriere bislang eher geschadet als genutzt. Krebs ist ein Parteisoldat, ehrgeizig und weitestgehend schmerzfrei. Und er ist jemand, der mit schickem Hemd und auswendig gelernten Versen für die Partei durchaus vorzeigbar erscheint. Ob jedoch der Landesverband oder die Frankfurter NPD durch die Wahl von Jörg Krebs nun neuen Schwung erhalten werden, bleibt abzuwarten.

Weitaus mehr Energie als Krebs, Wöll und der Landesverband versprühte in den vergangenen Monaten der NPD-Kreisverband Wetterau, der in Daniel Lachmann, Stefan Jagsch, Jan Peppel und Josephine Fröhlich (allesamt aus dem Raum Büdingen/Altenstadt) sehr rührige AktivistInnen hat. Fast monatlich finden in der Ost-Wetterau Treffen und Veranstaltungen statt, in Diskotheken wie dem „Ramba-Zamba“ in Ortenberg verschaffen sich die Neonazis aus dem Kreis der NPD eine kulturelle Hoheit, sind dort u.a. als Türsteher beschäftigt. Auch leistet die Gruppe emsig Aufbauhilfe für den reaktivierten Kreisverband Vogelsberg oder für die neu gegründete Ortsgruppe Bruchköbel. Kennzeichen des steigenden Selbstbewusstsein der Ost-Wetterauer NPD ist insbesondere, dass sie die vom NPD-Bundesvorstand ausgerufene „Wortergreifungsstrategie“ recht konsequent versucht, umzusetzen. Mehrfach schon wurden öffentliche Veranstaltungen über das Thema „Extreme Rechte“ von ihnen besucht und durch ständige Wortmeldungen ad Absurdum geführt.

Ähnlich offensiv agiert der neugeschaffene Kreisverband Wiesbaden/Rheingau-Taunus unter der Führung von Mario Matthes, dem Weilbacher Sascha Söder und dem (Neu-)Eppsteiner Timo Völkel. Dort ist es gelungen, radikalisierte Dorfjugendliche insbesondere aus dem Wiesbadener Hinterland (Taunusstein, Heidenrod) für die Partei zu gewinnen und diese mit Resten der aufgelösten „Schwarzen Division Germania“ zusammenzuführen. Erklärte Strategie von Matthes ist es derzeit, eine Gewöhnung an öffentliche Veranstaltungen durchzusetzen. Startschuss sollte die Veranstaltung im Bürgerhaus Mainz-Kostheim am 29. März sein, die die Neonazis gerichtlich durchsetzten und bei der es die Polizei mit Mühe schaffte, ein direktes Aufeinandertreffen von Antifas und Neonazis zu verhindern. Unter der Leitung von Matthes steht auch ein Aktionsbüro Rhein-Main-Nahe als monatlich tagendes Gremium zur Koordinierung verschiedenster Aktivitäten in den Regionen, Matthes Lebensgefährtin Miriam Stoffel ist führende Aktivistin eines Nationalen Frauenkreises Rheinhessen (NFK), der in Vergangenheit u.a. versuchte, mit Kampagnen gegen sexuellen Missbrauch von Kindern in die Öffentlichkeit zu gehen.

Ansonsten tut sich im Rhein-Main-Gebiet eine neue Baustelle auf: Die sogenannten Autonomen Nationalisten, die durch die provokante Übernahme eines linken Lifestyles versuchen, sich einen sozialrevolutionären Habitus zu verschaffen. Hier ist es wiederum der Wetteraukreis, in dem sich die „Autonomen Nationalisten“ besonders exponieren. Hakenkreuzschmierereien in verschiedenen Orten gehen ebenso auf deren Konto wie eine gezielte nächtliche Sachbeschädigung an dem Auto eines Antifaschisten. Auffallend ist, dass dem Kreis der „Autonomen Nationalisten“ junge Männer und Frauen angehören, die in ihrem Alltag auf den Schulen der Wetterau zum Teil völlig unauffällig sind. Impulsgeber der „Autonomen Nationalisten“ waren in der Vergangenheit die Butzbacher Philipp John und Kevin Schnippkoweit, die letztes Jahr beide nach Jena verzogen. Zuvor war es zu einem Zerwürfnis zwischen Wöll und Schnippkoweit gekommen. Bereits Anfang des Jahres zog John nach Butzbach zurück und stellte sich wieder in den Dienst von Wöll. Zur Zeit baut er einen Versand in Butzbach auf. Auch Schnippkoweit, der als Betreiber des Video-Projektes „Volksfront-Medien“ bereits bundesweite Bekanntheit erlangte, ist kürzlich wieder in heimatliche Gefilde zurückgekommen.

Fazit: Trotz interner Streitereien, Wahlniederlagen, Prozessen etc. ist derzeit wenig Leerlauf im Getriebe der NPD. Mit dem Auf- und Abstieg ihrer Führungspersonen verlagern sich die Problemzonen – von Butzbach in die Ostwetterau, von Mainz nach Wiesbaden und ins Wiesbadener Umland. Mit der Konsolidierung der HDJ in Butzbach sowie dem Aufkommen der Autonomen Nationalisten wird das Spektrum facettenreicher, die Aktivitäten werden vielfältiger. Es gibt viel zu tun.

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