Hausdurchsuchungen bei Nazis in Nordhessen: hat Schnippkoweit ausgepackt? / Verfassungsschutz kannte ihn angeblich bis gestern überhaupt nicht – dafür verwegene Thesen zur Rolle von Marcel Wöll als „Integrationsfigur“

hr hesseschau 2008-07-24 neonazi-ueberfall versuchter mord

NPD-Blog.Info berichtet ebenso wie die HR-Hessenschau (24.07.2008) von Hausdurchsuchungen bei Nazis im Schwalm-Eder-Bereich. Unklar ist, ob sie im Zusammenhang mit der Festnahme Schnippkoweits stehen, oder, wie die Polizei erklärt, schon vorher geplant worden seien. Merkwürdig wäre in diesem Fall, daß es nach der Attacke von Schnippkoweit noch bis gestern seitens der Polizei hieß, in der Region gebe es gar keine Nazi-Strukturen. Hat die Polizei also Hausdurchsuchungen bei Leuten geplant, von denen sie eigentlich gar nichts wußte? Oder hat vielleicht in Wahrheit Kevin Schnippkoweit ausgepackt? Dazu hieß es vor kurzem in einem Posting bei Indymedia:laut inzwischen gesicherten informationen hat K.S. intensive aussagen bei den cops gemacht, in bezug auf andere nazis und aktionen. laut einem in die ermittlungen eingebundenen pol.beamten ist mit ermittlungsverfahren gegen bisher gut ein halbes dutzend rechtsradikale aus dem schwalm-eder-kreis in den nächsten wochen zu rechnen, aufgrund schippkoweits aussagen. es geht wohl u.a. um landfriedensbruch, körperverletzung, sachbeschädigung und propagandadelikte. die werden sich freuen und kevin sicher doppelt dankbar sein für sein kameradschaftliches und heldenhaftes verhalten.

Diese Aussage können wir natürlich nicht überprüfen. Aber wie dem auch sei – auf jeden Fall als absolut verwegen ist ein „Erklärungsversuch“ des Präsidenten des Hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz in einem aktuellen HR-Hörfunkbeitrag („Keine braune Region“ 3:31 Min, Autorin: Beatrice Waldkircher, hr, 24.07.2008 *s.a. Anmerkung_1) zu bewerten: demzufolge sei die derzeit zu beobachtende Gewalttätigkeit im hessischen Neonazi-Bereich eine Folge der Tatsache, daß ausgerechnet der mehrfach wegen Körperverletzung vorbestrafte und demnächst wegen versuchten Totschlags vor Gericht stehende Holocaust-Leugner Wöll nicht mehr als „Integrationsfigur“ wirken könne. Wöll wird sich in seinem bevorstehenden Messerstecher-Prozess sicherlich gerne auf Herrn Eisvogel und dessen damit faktisch ausgestellten „Persilschein“ für ihn berufen.

Andererseits – bis gestern wußte der Verfassungsschutz offiziell gar nichts von Schnippkoweit: „Der verhaftete Schläger steht offenbar der organisierten Neonazi-Szene sehr nahe. Der Überfall auf das Sommercamp wurde nach vorläufigen Erkenntnissen von Tätern verübt, die den Freien Kräften zuzuordnen seien. Das sagte Alexander Eisvogel, Präsident des hessischen Verfassungsschutzes. Ob S. aus dem Umfeld der örtlichen Kameradschaften stammt oder gar ein Aktivist ist, konnte der Verfassungsschutz allerdings nicht sagen.“ (TAZ, 24.7.08).

Das sind ja wirklich gediegene Kenntnisse, Herr Eisvogel! Einfach mal „Kevin Schnippkoweit“ googlen! Viel Spaß bei der Lektüre!

* Anmerkung_1
Zitate aus dem HR-Audiobeitrag:
[…] Die Staatsanwaltschaft in Kassel prüft nun, ob er wegen versuchten Mordes angeklagt werden kann und dann lebenslang ins Gefängnis muß, so Oberstaatsanwalt Hans Manfred Jung:
‚Mord deshalb, weil davon auszugehen sein könnte, daß er heimtückisch gehandelt hat, weil er die Schlafenden in dem Zelt attackiert hat, ohne daß diese sich in irgendeiner Form eines Angriffs versehen haben. Und wenn das ganze auch aus einer rechtsradikalen Gesinnung heraus passiert ist, dürften niedere Beweggründe im Sinne der Mordvorschrift gegeben sein.‘
Der Neunzehnjährige hat inzwischen nicht nur die Tat sondern auch seine rechtsextreme Gesinnung zugegeben.
[…]
Aber die rechte Szene ist unübersehbar präsent im Kreis, denn die Propaganda ist überall, Plakate, Aufkleber mit Nazi-Symbolen und rechten Hetzparolen und die Neonazis tauchen auf Dorffesten auf und versuchen, Nachwuchs zu gewinnen. Das ist dem Verfassungsschutz durchaus bekannt und das seien die Auswüchse einer neuen Entwicklung, sagt Andreas Eisvogel, der Präsident des hessischen Verfassungsschutzes:
‚Es hat zumindest auch damit zu tun, daß sich gerade im jugendlichen Rechtsextremismus, also bei den jüngeren Neonazi-Kameradschaften, eine sehr viel stärkere Aktionsbezogenheit herausbildet, als das noch vor wenigen Jahren der Fall ist. Man ist da, wie es in der Szene heißt, ‚auf Action aus‘, und das bedeutet eben auch, daß man sich solchen Strömungen zuwendet, die einem so etwas dann auch versprechen.‘
Dieses Phänomen beobachtet Eisvogels Behörde allerdings in ganz Hessen, nicht nur im Norden.
[Eisvogel:] ‚Wir nehmen an, gerade auch etwa in Südhessen, daß es verstärkt eine Zuwendung zur Kameradschaftsszene geben wird und eine verstärkte Ausrichtung auch auf aktionistische Vorgehensweisen, und das nehmen wir sehr intensiv wahr und das ist vielleicht auch eine Entwicklung, die sich in Nordhessen ausprägt.‘
Das liegt laut Eisvogel hauptsächlich daran, daß die NPD in Hessen geschwächt ist. Seit ihrer Wahlschlappe bei der Landtagswahl und seit der Vorsitzende Marcel Wöll zurückgetreten ist. Damit ging eine starke Integrationsfigur verloren. Er war laut Verfassungsschutz ein Bindeglied zu den teils sehr extrem agierenden rechten Kameradschaften, wie auch die ‚Freien Kräfte Schwalm-Eder‘, das ist die Gruppe, zu der auch der Täter gehören soll.
[Eisvogel] ‚Sie ist uns aufgefallen, weil sie in den vergangenen Monaten ganz deutliche Anhaltspunkte für Rechtsextremismus gezeigt hat und weil sie gewaltorientiert auftritt, und das findet zum Teil auch bei Demonstrationen eine Verwendung, Transparente mitzubringen, zu protestieren oder aber eben auch gewaltorientiert aufzutreten.“

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3 Gedanken zu “Hausdurchsuchungen bei Nazis in Nordhessen: hat Schnippkoweit ausgepackt? / Verfassungsschutz kannte ihn angeblich bis gestern überhaupt nicht – dafür verwegene Thesen zur Rolle von Marcel Wöll als „Integrationsfigur“

  1. Hallo, sonst geht’s gut, oder???
    Da ist doch tatsächlich im Zentrum der aufgebahrten „Beweismittel“ das Buch „Der SS-Staat“ von dem 1987 in Königstein im Taunus verstorbenen Eugen Kogon plaziert!!!

    Liebe Leute, das sollte Schulbildung der Mittelstufe sein, ansonsten mal bei Wikipedia reinschauen, „Eugen Kogon …bekannter Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler. Der christlich geprägte Gegner des Nationalsozialismus gilt als einer der intellektuellen Väter der Bundesrepublik Deutschland und passionierter Europäer.
    […]
    Als bekennender Gegner des Nationalsozialismus wurde Kogon 1936 und erneut im März 1937 von der Gestapo verhaftet, die ihm unter anderem die Arbeit für antinationalsozialistische Kräfte außerhalb des Reichgebiets vorwarf. Im März 1938 erfolgte die dritte Verhaftung und im September 1939 die Deportation in das KZ Buchenwald, in dem Kogon sechs Jahre seines Lebens verbringen sollte. Im Jahr 1945 wurde Kogon direkt nach seiner Befreiung wieder publizistisch tätig. Er war als freiwilliger Chronist für die US Army im Camp King tätig und begann im selben Jahr auch sein Buch Der SS-Staat – Das System der deutschen Konzentrationslager, das 1946 veröffentlicht wurde und noch heute als Standardwerk über die NS-Verbrechen gilt. Das Buch wurde in mehrere Sprachen übersetzt und allein in deutscher Sprache über 500.000 mal verkauft.“

    Der Widerstandskämpfer Kogon wird sich im Grabe umdrehen, wenn sein antifaschistisches Aufklärungsbuch zusammen mit Nazi-Devotionalien , Nazi-Propaganda und Waffen als Beweismittel für eine nazistische Gesinnung herhalten muß!!!

  2. Hallo Klaus,

    du hast natürlich völlig recht, dass Kogon ein NS-Gegner war und die Darstellung seines Buches als Beweismaterial durch Polizei oder Staatsanwaltschaft peinlich ist – für Polizei und Staatsanwaltschaft und nicht für die Anti-Nazi-Koordination.
    Kogons Buch von 1946 sollte meiner Meinung nach nur noch sehr bedingt im Schulunterricht verwendet werden. Seine Ausfälle gegen „asoziale“ und „Berufsverbrecher“, die er sehr pauschal verurteilt und der Zusammenarbeit mit der SS beschuldigt, müßten im Unterricht zumindest durch eine differeziertere Sichtweise auf diese beiden Opfergruppen ergänzt werden. Auch sonst gibt es inzwischen eine Viellzahl besserer Bücher zu einzelnen KZs wie zum Lagersystem.

  3. Lieber Stephan – zum letzteren Punkt: keine Frage. Aber darum geht es ja auch nicht.

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