Gegenposition

Zu einem Diskussionspapier von Mitgliedern der Anti-Nazi-Koordination, mit dem eine künftige Kampagne gegen Islamophobie begründet werden soll, legt Stephan Wirtz, Mitglied des SprecherInnenkreises, eine Gegenposition vor:

Gegen den „Diskussionsbeitrag zum Thema Islamophobie“
Die Stellungnahme „Eines Teils der Vorbereitungsgruppe zur geplanten Kampagne gegen die Bürgerinitiative Hausen“ (im Folgenden „RödelheimerInnen“) ist ein Papier, dass offensichtlich polarisieren soll. Alle wissen, dass die in der Stellungnahme verbreiteten Positionen von vielen Mitgliedern der ANK nicht getragen werden. In dem Papier wird stark mit Unterstellungen gearbeitet. Dies und die Art der Diskussion, in der mir vorgeworfen wurde, auf „der anderen Seite“ zu stehen, belastet die Diskussion um verschiedene Positionen in der ANK erheblich. Dies ist nicht der Stil, in dem wir uns bisher in der ANK miteinander auseinandergesetzt haben und ich hoffe, dass er sich nicht durchsetzen kann.
Um dem Papier der RödelheimerInnen entgegenzutreten, habe ich im ersten Teil meine Vorstellungen für ein gemeinsames Vorgehen der ANK formuliert. Im zweiten Teil antworte ich auf einzelne Punkte in dem Papier, bei denen ich nicht davon ausgehe, dass wir uns einigen können bzw. einigen müssen, um gemeinsam gegen die MoscheegegnerInnen in Hausen und andere RassistInnen vorgehen zu können.
I. Für eine gemeinsame Position gegen anDiskussionsbeitrag zum Thema Islamophobietiislamisch/antiislamistisch verbrämten Rassismus
Seit einigen Jahren appellieren RassistInnen in Deutschland verstärkt an kulturalistische Ressentiments gegen den Islam.
Gründe dafür
• Aufgreifen der Terrorangst nach den Terroranschlägen auf das World-Trade-Center in NY durch Nazis wie durch bürgerliche PolitikerInnen.
• Durch den Bau repräsentativer Moscheen wird baulich erfahrbar, dass die MigrantInnen und ihre Kinder und Enkel ihre Zukunft in Deutschland sehen, dass sie nicht wieder in irgendwelche Heimatländer zurückkehren werden und dass sie sich auch nicht mit einem untergeordneten Status zufrieden geben. In diesem Sinne sind Moscheen Symbole für die Existenz des „Anderen“ in Deutschland und die teilweise Integration der „Fremden“ in dieser Gesellschaft. Dementsprechend werden Moscheen von RassistInnen als Ausdruck der „Überfremdung“ bekämpft.
Wir haben in Hausen erlebt, wie völkisch die AnhängerInnen der BI gegen den Moscheebau argumentiert haben. Dagegen haben wir zwei, wie ich nach wie vor finde, sehr gute Flugblätter gemacht und auf Veranstaltungen zum Moscheebau interveniert. Wir haben die „Argumente“ der Hausener BI als rassistische Hetze denunziert und der Hazrat-Fatima-Gemeinde mit einem eindeutigen Bekenntnis zum Moscheenbau den Rücken gestärkt. (Dafür mussten wir uns weder auf eine gemeinsame Imperialismusanalyse einigen noch brauchten wir dazu eine gemeinsame Position zu Afghanistan und zu Israel/Palästina. Warum soll dies jetzt, nach 7 Jahren Afghanistankrieg und 60 Jahre nach der – für mich sehr begrüßenswerten – Gründung Israels plötzlich anders sein?)
An die positiven Erfahrungen unserer Aktionen in Hausen sollten wir bei unserem weiteren Vorgehen gegen antiislamischen Rassismus anknüpfen.
Muslime sehen sich insbesondere seit dem 11. September 2001 einem Generalverdacht ausgesetzt, mit den islamistischen Terrorakten in New York, Madrid und London zu sympathisieren. Um diese rassistische Zuschreibung zurückzuweisen, sollten wir die Unterscheidung zwischen Islamisten und Moslems betonen.
Die Unterscheidung zwischen Moslems und Islamisten dient dabei einerseits der Zurückweisung rassistischer Angriffe auf Moslems. Sie ist aber auch richtig, weil Angst vor Islamisten nicht in allen Fällen einer Phobie entspringt, sondern durchaus reale Gründe hat.
Der Kern des antiislamischen Rassismus liegt im Rassismus und nicht in den Kriegen in Afghanistan oder dem Irak! Die RassistInnen in Hausen sind keineswegs Krank vor Angst. Sie wollen vielmehr ihre Dominanz verteidigen und ein gleichberechtigtes Zusammenleben verschiedener Kulturen verhindern. Deshalb ist der Begriff der Islamophobie (ebenso wie die der Xenophobie, völlig ungeeignet zur Beschreibung des antiislamischen Rassismus.
II. Dissenspapier
Gegen religiösen Fundamentalismus
In den letzten Jahren haben reaktionäre Bewegungen unter allen religiösen Gruppen starken Zulauf.
Alle diese Fundamentalistischen Bewegungen sind:
• Homophob
• Frauenverachtend
• Antimodern
• Schriftgläubig (Die jeweils „heiligen“ Bücher werden nicht in ihrem historischen Kontext interpretiert sondern wörtlich genommen.)
• Sie wollen Menschen anderer Religion und Atheisten ihre Moralvorstellungen aufzwingen.
• Christliche und muslimische Fundamentalisten sind meistens antisemitisch.
Gegen alle religiösen Extremisten müssen bürgerliche Freiheiten verteidigt werden. So zum Beispiel gegen Zumutungen einiger Bischöfe in Deutschland, die u.a. Filme von Herbert Achternbusch verbieten lassen wollten. Oder gegen Islamisten, die wegen der Karikaturen ihres Propheten Mohammed weltweite Ausschreitungen inszenierten. Beide Male muss das Recht auf Blasphemie erkämpft bzw. verteidigt werden.
Im Fall islamistischer Gruppierungen sind deren antiliberale Haltung, ihre Frauenverachtung, ihr Schwulenhass und ihr Antisemitismus durchaus problematisch. All dies gibt es bei den RödelheimerInnen nur in Anführungszeichen, so als wären diese Vorwürfe gegen islamistische Gruppierungen eine Schimäre.
• Evangelikale Christen in den USA verüben Anschläge auf Kliniken die Abtreibungen vornehmen und ermorden deren Ärzte sowie Schwule.
• In Italien marschieren rechte Katholiken gemeinsam mit Nazis durch die Straßen und rufen Parolen gegen Juden, Roma und Homosexuelle.
• In Indien veranstalten Hindu-Nationalisten Ausschreitungen gegen Moslems. U.a. organisierten sie das antiislamische Pogrom 2002 im Bundesstaat Gujarat, bei dem 200 Moslems ermordet wurden.
• Die jüdischen Fundamentalisten sind in zwei Fraktionen gespalten: Einen antizionistischen und einen sehr nationalistischen Teil. Beide wollen weltlichen Israelis zum Beispiel die Sabbatruhe aufzwingen, für die sie schon einmal selbst am Sabbat Steine auf Autofahrer werfen. Ein besonders radikaler Teil der nationalistischen „charedim“ hat sich in der in Israel zurecht verbotenen Kach des Rabbi Meir Kahane gesammelt. Barach Goldstein, der Täter des Massakers von Hebron, war ein Anhänger Kahanes.
• Islamisten unterschiedlicher Richtung haben ebenfalls Zulauf. Im Westen sind sie vor allem durch die Anschläge auf das World Trade Center bekannt geworden, während die weit umfangreicheren Massaker muslimischer Extremisten in Bangladesh 1971 nahezu vergessen sind.
Für mich ist es selbstverständlich, alle genannten religiösen Fundamentalisten abzulehnen und gegebenenfalls zu bekämpfen. Und selbstverständlich kann eine Kampagne gegen antiislamischen Rassismus zugleich antiislamistisch sein, wenn sie zwischen Islamisten und Moslems unterscheidet, wie die erfolgreiche Kampagne des ums ganze-Bündnisses gegen die Anti-Islam-Konferenz von pro Köln zeigt.
Afghanistan, Jemen, Irak und Iran
In atemberaubendem Tempo schreiten die AutorInnen über die geopolitische Landkarte. Um ein allgemeines „Feindbild Islam“ zu skizzieren, mit dem ihrer Meinung nach die Kriege der Nato in der Öffentlichkeit legitimiert werden. Hierauf im Einzelnen einzugehen ist schwierig, weil vieles voller Andeutungen vor sich hinwabert. Jedenfalls wird das Baath-Regime im Irak, gegen das wir in den 80er Jahren mehrfach wegen dessen Giftgasangriffen auf kurdische Dörfer demonstriert haben, offensichtlich für nicht besonders schlimm gehalten. Ebenso das islamistische Regime im Iran, dessen Steinigungsspektakel scheinbar nur den Sinn haben, die westliche Kriegsdrohung zu legitimieren. Oder das Taliban-Regime in Afghanistan, Inbegriff der religiösen Intoleranz und der Unterdrückung jedes freiheitlichen Denkens oder auch nur des individuellen Strebens nach Glück.
Über den Jemen weiß ich fast gar nichts und daher äußere ich mich dazu auch nicht.
Dass die neuen Feinde des Westens zumeist ziemlich eklig und Feinde jeder emanzipatorischen Bewegung sind, wird von den RödelheimerInnen für nicht besonders wichtig gehalten. Interessant ist nur, dass sie Feinde des Westens sind und dass die Kritik an ihnen eine Legitimation für mögliche wie tatsächliche Kriege der USA darstellen. Dies ist in meinen Augen ein sehr begrenzter Blickwinkel auf diese Kriege.
Gegen jeden Antisemitismus, ob religiös oder politisch begründet.
Im Gegensatz zu den RödelheimerInnen halte ich Hamas und Hizbollah tatsächlich für eine Bedrohung Israels. Die Attentate der Hamas auf Busse und Cafes hatten zum Ziel, wahllos Israelis zu ermorden. Ein Teil der Attentate war dann doch gezielt: Gegen Treffpunkte der israelische Linken.
Darüber hinaus sind Hamas und Hizbollah nicht nur antiisraelisch, sondern explizit antisemitisch. Die Hamas hat den Antisemitismus sogar zum integralen Bestandteil ihres Grundsatzprogramms gemacht, indem sie dort die Protokolle der Weisen von Zion als authentisches Dokument zitiert, welches die Machenschaften der Juden entlarve.
Der Generalsekretär der Hizbollah, Hassan Nasrallah, will Israel vernichten und hält Jude für ein Schimpfwort.
Die Angriffe der antisemitischen Organisationen Hizbollah und Hamas auf Israel haben vor zwei Jahren den Libanonkrieg und Angriffe der israelischen Luftwaffe im Gaza-Streifen ausgelöst. Bei aller Kritik an der Form der israelischen Kriegsführung war die Hizbollah der Hauptschuldige an diesem Krieg. Die in dem Papier der RödelheimerInnen vorgenommene einseitige Verurteilung Israels kann ich auf keinen Fall mittragen.
Stephan Wirtz

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s