Ganz im Sinne der NPD: Verwaltungsgericht Gießen behindert Schächten kurz vor dem islamischen Opferfest

Die hessische NPD hat derzeit selten Erfolge aufzuweisen: ihr ehemaliger Vorsitzender, der Holocaustleugner Wöll, muß demnächst wegen schwerer Körperverletzung vor Gericht. Ihr stellvertretender Landesvorsitzender, Mario „Ken“ Matthes, wurde soeben wegen schwerer Körperverletzung zu 11 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Ihr letztjähriger Hauptmedienaktivist und Wöll-Intimus, Kevin Schnippkoweit, sitzt in U-Haft wegen eines schweren Körperverletzungsdelikts – die Anklage könnte nach Aussage der Staatsanwaltschaft bis hin zum Mordversuch gehen. Sein Freund aus Butzbacher Tagen, Philipp John, ist übergelaufen. Christian Müller, einstiger Mitbewohner Wölls im mittlerweile aufgegebenen „nationalen Wohnprojekt“ Butzbach-Hochweisel, lebt wieder in Frankfurt – bei seinen Eltern. Angeblich soll er dort für die kurz vor dem Verbot stehende HDJ rekrutieren, deren Hessen-Führerin Annika Ringmayer sich wiederum vor geraumer Zeit in Butzbach-Hochweisel, im ehemaligen Nachbarhaus von Wöll und Konsorten niedergelassen hat. Dessen ehemaliger Nazi-Kamerad aus dem „Aktionsbüro Rhein-Main-Nahe“, Sascha Söder, glänzte vor wenigen Tagen durch die Forderung, man solle Daniel Cohn-Bendit „als Vertreter einer, naja ganz bestimmten Minderheit … an die Wand“ stellen,  sowie den in eine Kamera hinein geäußerten Spruch, man solle „alle Juden human erschießen„. Für die erstere dieser antisemitischen Unverschämtheiten hat er, wie aus sicherer Quelle zu hören ist, übrigens nichts zu befürchten: der zuständige Staatsanwalt äußerte, die öffentlich erhobene Forderung, Daniel Cohn-Bendit „an die Wand zu stellen“  stelle keinen Anfangsverdacht dar, der Ermittlungen wegen Volksverhetzung rechtfertige. Das Video mit Söders Forderung der Erschießung aller Juden will ihm viele Tage nach dessen Veröffentlichung im Internet unbekannt sein. Das alles ist in Hessen kein Wunder.

Nun aber bietet sich ein adventlicher Lichtblick für die gebeutelten Nationalisten, der den übrig gebliebenen Spitzenkandidaten der NPD, einen Mann namens Jörg Krebs,  vor Freude jauchzen läßt: das Verwaltungsgericht Gießen hat, rechtzeitig zum am Montag beginnenden islamischen Opferfest, eine Ausnahmegenehmigung zum Schächten nach islamischer Religionsvorschrift verweigert , wie Krebs auf dem faschistischen Internetportal Altermedia frohlockt (http://de.altermedia.info/general/npd-hessen-ein-kleiner-triumph-fur-alle-tierfreunde-gericht-verbietet-schachtung-061208_19884.html). Dort, auf „Altermedia“, wird auch gleich kräftig kommentiert, zB. „statt nach Auschwitz sollte jede Schulklasse ein mal im Jahr dieser Tierquälerei zuschauen müssen. Im Nu wären die Fronten zurechtgerückt.“ Islam und Judentum, heißt es dort in wünschenswerter Deutlichkeit, seien bekanntlich „geistig und rassisch eng verwandte Glaubensgemeinschaften„, das Schächten beider Glaubensgemeinschaften „abscheuliche vorderasiatische Religionsvorschriften„. Zum Hintergrund: Das Verbot des Schächtens ist in Deutschland nicht neu.  Es richtet sich aktuell hauptsächlich gegen Muslime, hat aber seine Wurzeln, die damals wie heute mit „Tierschutz“  legitimiert werden, in der Nazigesetzgebung des Jahres 1933, mit der jüdischen Metzgern in Deutschland das Schächten verboten wurde.

Religionsgeschichtlich geht das scharia-konforme islamische Schächten von Tieren eindeutig auf jüdisches Religionsrecht (halacha) zurück (Hintergrundinformationen, Literatur). Der Begriff „Schächten“ ist hebräischen Ursprungs (sch’chita, Schlachtung). In beiden Fällen besteht der Unterschied zur zeitgenössisch-westlichen Schlachtmethode in der Vorschrift, daß das Schlachttier durch eine dazu ausgebildete Person (hebräisch: schochet) ohne vorherige Betäubung mit dem raschen Schnitt eines speziellen rassiermesserscharfen Instruments durch die Kehle getötet werden muß und anschließend (im bereits toten Zustand) ausblutet. Denn in beiden Religionen gilt das Blut als Sitz des Lebens, über das von Menschen darum nicht verfügt werden darf, indem es zB. gegessen wird.

Die tierrechtlich begründete Ächtung des Schächtens ist eindeutig antisemtischen Ursprungs und war ein üblicher Topos antisemitischer  Propaganda der Nazifaschisten, die dafür auf ältere Vorbilder zurückgreifen konnten.
Heute richtet sie sich hierzulande praktisch ausschließlich gegen Muslime, da das Schächten nach jüdischem Recht in der Regel durch Sondergenehmigungen gstattet wird. Die Behinderung des Schächtens direkt vor dem islamischen Opferfest, bei dem traditionell ein Tier zu schlachten und im Familien- und Bekanntenkreis zu verzehren sowie ein bestimmter Anteil des Fleischs an Bedürftige zu verteilen ist, muß darum als kulturalistisch begründete, auf rechtspopulistische sowie traditionelle antisemitische Stimmungen des „gesunden Volksempfindens“ Rücksicht nehmende Form eines  Sonderrechts gegen Muslime verstanden werden. Die NPD, die den anti-islamischen Rassismus zum Schwerpunktthema ihres hessischen Landtagswahlkampfes bestimmt hat, rechnet sich dieses Jahr die Entscheidung des VG Gießen als „Erfolg“ an.

Freuen kann sich auch Roland Koch (CDU), der im vergangenen Landtagswahlkampf neben einem der Sache nach nur als abwegig zu bezeichnenden Verbot des Burka-Tragens an hessischen Schulen auch noch etwas vom „Schlachten in der Wohnküche“ in die Lande posaunt hatte, womit er aber selbstverständlich niemals nie nicht Stimmung gegen Muslime machen wollte. Mitjubeln können „Islamkritiker“ wie Udo Ulfkotte, auf dessen Blog „Akte Islam“  vor wenigen Tagen islamische Schächter als „Halsabschneider“ verunglimpft wurden. Große Freude also von  den Antisemiten der NPD über die Islamhasser  à la Ulfkotte, Schröter und PI bis hin zur CDU – danke, VG Gießen!

Nachbemerkung:  eine Massentierhaltung oder -schlachtung im „zivilisiert-westlichen“ Sinne wäre nach halacha oder scharia undenkbar, da zB. Schlachttieren die Angst vor dem Tod dadurch zu ersparen ist, daß der Schlachtort sorgfältig von allen Spuren einer eventuellen vorherigen Schlachtung zu reinigen ist.
Im aufgeklärten-rationalen Westen erspart man sich dies aus Kostengründen und verabreicht zB. Schweinen nach stundenlangem Antransport im Tiertransporter Beruhigungsmittel, da sie sonst in der Nähe des Schlachthofs aufgrund der Witterung vom Tod ihrer Artgenossen dort erführen und vor Angst zB. an einem Herzinarkt sterben könnten, woraufhin dann ihr Fleisch als ungenießbares Aas gälte und zu entsorgen anstatt zum Verzehr freizugeben wäre.

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6 Gedanken zu “Ganz im Sinne der NPD: Verwaltungsgericht Gießen behindert Schächten kurz vor dem islamischen Opferfest

  1. @ M.:
    Deine Mitarbeit in der ANK hat hat ausschließlich etwas mit Deiner Zustimmung zu unserer Gründungserklärung zu tun: https://antinazi.wordpress.com/gruendungserklaerung/, in der wir uns gegen ungestörte Auftritte von Nazis und Rassisten in unserem Bereich aussprechen.

    Aus welchen Gründen Du das Schächten ablehnen magst – ich gehe davon aus, daß Du gleichwohl für das Recht religiöser Gruppierungen welcher Art auch immer auf strikte Gleichbehandlung vor dem Gesetz eintrittst. Das scheint mir im vorliegenden Fall verletzt zu sein. Meine persönliche Ansicht zum Schächten tut hier ebensowenig etwas zur Sache wie Deine. Aber gemeinsam sollten wir das Recht von sogenannten Minderheiten verteidigen, nicht einem kulturellen oder ehtnischen Sonderrecht unterworfen zu werden. De facto (wenn auch nicht de jure) ist das hier geschehen, ganz ähnlich wie im Hausener Moscheebaustreit. Damit ist ein bürgerlich-demokratischer Mindeststandard verletzt worden, der nicht unterschritten werden darf, schon gar nicht mit einer Begründung, die Nazi-kompatibel ist und deshalb von der NPD bejubelt wird. Darum geht es. Wir verteidigen damit nicht nur in selbstverständlicher antirassistischer Solidarität die Interessen anderer, sondern auch unsere eigenen Interessen, wenn wir uns gegen solche Machenschaften wenden.

  2. Und M., bist du auch so strikt gegen die industriemäßige Tötung von Tieren und bist du Vegetarierer?
    Ich hoffe doch, den ansonsten ist die Ablehnung einem Tier einfach mal gepflegt den Hals aufzuschlitzen einfach nur ekelhafte deutsche Tierschützerattitüde, respektive ressentimentbeladene Hippiekacke.
    Wer Fleisch konsumiert sollte auch mal bei einer anständigen Hausschlachtung dabeigewesen sein oder noch besser auch mal ein dazugehöriges Tier getötet haben.
    Warum sollten Juden und Moslems nicht ihre Tiere so töten wie sie es für richtig halten, und wie es große Teile der Weltbevölkerung tagtäglich praktizieren, einfach aus praktischen und nicht mal religiösen Gründen?
    Weil die Praktiken des achso aufgekärten, „zivilisierten“ Westens so viel netter zu edn armen Schäfchen sind? Nebbisch.

  3. @ Horst

    Ja ich ernähre mich vegetarisch, aber ansonsten habe ich keine Lust mit dir zu diskutieren, da du scheinbar nicht sachlich bleiben kannst.

    @ Hans Christoph

    Ok, wir lassen dann mal Tierschutz-Details und auch persönliche Meinungen zum Schächten beiseite.

    Du hast folgendes geschrieben:
    „ich gehe davon aus, daß Du gleichwohl für das Recht religiöser Gruppierungen welcher Art auch immer auf strikte Gleichbehandlung vor dem Gesetz eintrittst“

    Ja aber eigentlich werden sie im ganzen nicht gleichbehandelt, sondern bevorzugt.
    Nur weil jemand eine bestimmte Religion hat, darf er evtl. schächten oder nicht.
    Eine Minderheit, die aus nicht religiösen Gründen schächten will, dürfte das nicht.
    Aber selbst da wäre es ein Sonderrecht.
    Warum dürfen nicht alle schächten oder keiner?
    So sehe ich das, auch wenn ich mich bestimmt jetzt hier in ein Fettnäpfchen setze.

    Oben in dem Bericht steht folgendes:
    „Das Verbot des Schächtens ist in Deutschland nicht neu. Es richtet sich aktuell hauptsächlich gegen Muslime, hat aber seine Wurzeln, die damals wie heute mit “Tierschutz” legitimiert werden, in der Nazigesetzgebung des Jahres 1933, mit der jüdischen Metzgern in Deutschland das Schächten verboten wurde.“

    Wenn ich diesen Text lese und der Meinung bin, dass das Schächten verboten werden sollte, dann weiß ich ja jetzt in welcher Tradition ihr mich seht …

    Ich habe halt meine Meinung und da lasse ich mich weder von einer Mehrheit oder einer Minderheit beeinflussen und schon gar nicht interessiert mich, was die NPD dazu sagt.

    Gruß
    Michael

    Aber schaut euch doch einfach mal dieses Video an:
    http://www.petatv.com/tvpopup/Prefs.asp?video=agri_long

  4. [AUTOSAVED] Feindbild Jude – Feindbild Muslim: ein Kettenmail, ein Urteil und eine Konferenz, Teil 2…

    „Schächten“ ist einer der Dauerbrenner des islamfeindlichen Diskurses, weil man weiss, wie sehr die Muslime damit zu treffen wären, würde ihnen dies verboten. Bislang werden sie „nur“ behindert.
    Auch diese, zunächst „Im Namen des Tierschutzes…

  5. M,

    Du hättest zum Schluß auch schreiben können: schau Dir doch mal „Der ewige Jude“ an. Auch dort wird der qualvolle Tod einer Kuh durch das Schächten gezeigt. Genau diese Art des Todes aber soll durch das nach halacha und scharia korrekte Schächten ausgeschlossen werden. Es ist normalerweise schon völlig inakzeptabel und tendenziös, aus einem Mißbrauch auf die übliche Regel zurückzuschließen: abusus non tollit usum. Im fall von „Der ewige Jude“ aber ist klar, daß die Szene aus antisemitischen Gründen so gedrhet werden mußte, wie sie sich dann einem entsetzten Millionenpublikum präsentierte. Wer waren also die Tierquäler? Diejenigen, Goebbels voran, die für den Dreh dieses Filmes einer Kuh auf absichtsvoll diese Weise schlachten und andererseits natürlich nuuuuur im Interesse des Tieschutzes 1933 das Schächten verbieten ließen. Wer heute aus tierrechtlichen Gründen gegen das Schächten agiert, muß sich verdammt viel Mühe geben sich zugleich eindeutig von dieser Art antisemitischer oder antiislamisch-rassistischer Stimmungmache zu distanzieren!

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