Weiterer Diskussionsbeitrag zum Thema anti-islamischer Rassismus

Wolf Wetzel hat einen weiteren Diskussionsbeitrag für die morgen, Montag, 8.12.2008 in der Anti-Nazi-Koordintion stattfindende Debatte um eine Strategie gegen anti-islamische Rassisten beigesteuert.
Die anderen drei Texte stammen von einer Gruppe aus Rödelheim, Stephan Wirtz und Hans Christoph Stoodt.
Zum Text von Wolf: „Antislamismus – der Rassismus der erfolgreich, gebildet Angepassten„:

Antislamismus – der Rassismus der erfolgreich, gebildet Angepassten

Was noch Anfang der 90er Jahre ein Wechselspiel aus rassistischer Regierungspolitik und Pogromen der Straße war, ist mit ›9/11‹ zu einem eindeutigen Markenzeichen von Oben geworden: Der Krieg gegen Afghanistan 2001, die permanenten Kriegsdrohungen gegenüber der Islamischen Republik Iran, die Militarisierungen im Inneren gebaren ein bis dahin völlig unbekanntes Feindbild: Je nach Stimmung und Opportunität ist seit 2001 von ›dem‹ Islam, vom ›Islamismus‹ als Weltfeind Nr.1 die Rede, von der drohenden »stille(n) Islamisierung« ,von »Hassprediger«, wenn Rassismus und Repressionsmaßnahmen im Inneren gerechtfertigt werden sollten. Der Antiislamismus, die Kulturalisierung von Rassismen in Gestalt einer gewaltbereiten, fundamentalistischen Weltreligion, ist nichts, was von außen in die Mitte drängte. Ihre Taktung, ihre Vehemenz, ihre Verbreitung, ihre Kompatibilität mit Kriegszielen kommt aus den Machtzentren. In geradezu atemberaubender Geschwindigkeit entwickeln sich religionsfernen Schichten zu Islamexperten, erklärten uns die Scharia, den Koran und ganz nebenbei die zivilisatorischen Vorzüge des christlichen Abendlandes. Diese geballte Mischung aus Antiislamismus und Antiarabismus ist kein Thema von Ausgegrenzten und Desintegrierten. Sie bejahen diese Ordnung, sie verteidigen sie. Wer heute in Deutschland gegen eine neue Moschee demonstriert, ist nicht irgendwelchen ›rechtsextremen‹ Rattenfänger erlegen. Er nimmt nur die Ängste und Sorgen seiner Regierung ernst und beweist zivilgesellschaftliches Engagement. Razzien gegen Moscheen, die Stigmatisierung islamischer Gemeinden, die Forderung nach einem Burka-Verbot an hessischen Schulen (wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch) braucht keine schmuddligen, anrüchigen Neonazis mehr. Der globale Krieg gegen Staaten, die sich nicht dem Diktat des Westens unterwerfen (Afghanistan, Iran), verlangt in allen kriegsteilnehmenden Staaten eine ideologische Unterfütterung, die Neujustierung eines Feindbildes. Was früher (als es noch einen Sozialistischen Ostblock gab) die ›Kommunisten‹ waren, sind heute die ›Islamisten‹.
Wie gut dieser Antiislamismus ohne Neonazis auskommt, belegen die Proteste gegen einen Moscheebau in Köln und Frankfurt-Hausen erschreckend eindeutig.
Dieser ›neue‹ Rassismus, seine Hegemonie und seine gesellschaftliche Akzeptanz verdankt er nicht den Unzufriedenen, den Ausgeschlossenen, den Marginalisierten. Es ist ein Projekt der Gutsituierten, der erfolgreich Angepassten, der Aufgeklärten, der Moderne. Der Kabarettist Hagen Rether hat diesen Paradigmawechsel treffend auf den Punkt gebracht: »Früher hieß das ›Kanaken raus‹ und kam aus der Unterschicht, heute heißt das Islamkritik und kommt von ganz oben.«
Mit welcher Wucht und Wirkung dieser staatlich induzierte Antiislamismus Mehrheiten bewegen, in welchem Ausmaß er Rassismus steuern kann, spiegelt sich u.a. in den Langzeitstudien wider, die seit 2002 auch Parameter zur Erfassung der ›Islamophobie‹ in die Befragungen integriert haben: Sie belegen einen direkten, unmittelbaren Zusammenhang zwischen imperialen Kriegen und der Bereitschaft in der Bevölkerung, Kriegszustände zu verinnerlichen, den Islamismus als wachsende Bedrohung zu erleben.

Die Macht der Rassismen erklärt sich nicht aus deren Theorem, sondern aus dem jeweiligen Herrschaftsmodus
Die Entdeckung der ›Neger‹ als Inbegriff des Wilden und Unzivilisierten ist nicht mit Rassismus zu erklären, sondern mit dem Kolonialismus, der die Versklavung und Unterwerfung der ›schwarzen‹ Kontinente begründen wollte und musste. Die Begründungen waren – in ihrer Zeit – nicht reaktionär, sondern progressiv, fortschrittlich: Man sei gekommen, um sie zu ›zivilisieren‹, sie aus der Rückständigkeit, aus dem rohen Naturzustand zu befreien.
Das zentrale ideologische Konstrukt im NS, die ›jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung‹ bediente sich zwar des vorherrschenden Antisemitismus, doch ihre Verdichtung und wilde Verknüpfung erklärt sich nicht aus dem Antisemitismus, sondern aus dem imperialen Herrschaftsmodus des deutschen Faschismus. Das Konstrukt von der ›jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung‹ deckte exakt die Weltregionen und Staaten ab, denen man den Krieg erklären wollte. Es ist das ideologische Spiegelbild zum geplanten Weltkrieg, die exakte Adaption imperialer Kriegssetzungen in entsprechende Feindversinnlichungen. Das ›Jüdische‹ als heimliche Weltregierung sollte den Weltkrieg gegen den ›Westen‹ erklären, den Angriff auf die bisherigen imperialen, überlegenen Weltmächte. Das ›Bolschewistische‹, als Inbegriff der Kommunistischen, sollte den Krieg gen Osten, gegen das kommunistische Sowjetunion legitimieren, den Systemantagonismus veranschaulichen.

Der Kern des antiislamistischen Rassismus liegt demzufolge nicht im Rassismus (was tautologisch und nicht analytisch ist), sondern in den jeweiligen Herrschaftsnotwendigkeiten und –modi.
Die Besonderheit des antiislamistischen Rassismus und die Schwierigkeiten der Linken, wenn sie deren progressiven Begründungen reaktionär folgt
Der ›Islam‹, der Islamismus als (Staats-)Feind Nr.1 ist nicht der besonderen Sensibilität der Bevölkerung gegenüber reaktionären Ideologien geschuldet, sondern den neuen geo-politischen Kriegszielen: Afghanistan, Irak, Iran und je nach Zuspitzung auch einige (unwillige) arabische Staaten bis hin zu Pakistan. Das dazu passende Konstrukt ist eine Mischung aus ›progressivem‹ Rassismus und antisemitischen Weltverschwörungstheorien. Der Islam als Weltreligion dient dabei als Metapher für Weltmachtambitionen, die von der ›schleichenden Islamisierung‹ des Westens (im Inneren) bis hin zum ›Krieg der Kulturen‹ reichen, der selbstverständlich von islamischen Staaten gewollt und (im Schilde) geführt wird. Der tatsächliche permanente Kriegszustand (im Irak, in Afghanistan und Pakistan) der US-Alliierten wird so in einen friedenssuchenden Verteidigungspakt umkomponiert, die realen Weltmachtambitionen des Westens werden in den Islam verschoben.
Die Moslems – die ›wilden Neger‹ der Neuzeit
Das Besondere und Spezifische am Antiislamismus ist ein progressiver Rassismus: Der europäische Antiislamist gibt sich fortschrittlich, aufgeklärt, weltlich und von Emanzipation gesegnet: Man will die Frauen (vom Schleier und von patriarchaler Unterdrückung) befreien, man will die Unterdrückten von irrationaler, religiöser Herrschaft erlösen, letztendlich die vermeintliche Zivilisation (in der wir leben) vor der Barbarei (in der sie leben) retten.
Es ist zu hoffen, dass niemand in der Linken diesem Befreiungsgestus nur eine Sekunde Glauben schenkt. Der Antiislamismus bekämpft das Reaktionäre im Islam nicht, weil er Unterdrückung und Unterwerfung ablehnt, sondern weil sie auf der falschen Seite ausgeübt werden.
Gibt es irgendeinen Grund für die Linke, sich diese ideologische Gespensterfront zu eigen zu machen, um so ›bürgerliche Freiheiten‹ gegen ›religiöse Extremisten‹ zu verteidigen?
Wer das will, bekämpft nicht reaktionäre Ideologien, sondern sitzt dem Antiislamismus selbst auf. Wenn man sich in der Linken darüber einig ist, dass es im antiislamistischen Rassismus nicht um die Demokratisierung, um die Befreiung von Menschen aus (patriarchaler) Unterdrückung und Ausbeutung geht, sondern um die Zementierung von Herrschaft als kapitalistische Weltordnung und um die Dominanz des eigenen, ›weißen‹ Lebensgefühls, dann ist der Streit darüber, wie man mit reaktionären, religiösen Heilsversprechen (in Gestalt z.B. von Hamas oder Hisbollah) umgehen soll, überflüssig. Religiöse, reaktionäre Heilsversprechen, die ein würdiges, besseres Leben ins Jenseits befördern und im Diesseits autoritäre Gefolgschaft und eine patriarchale Lebensordnung erzwingen, sind keine ›Freunde‹, weil sie ›Feinde unserer Feinde‹ sind. Sie sind politische Gegner. Ihre Verbrechen (z.B. Juden als Kriegsziel) sind nicht vernachlässigbar, sondern ein wesentlicher Grund unserer politischen Gegnerschaft.

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