15. Januar: Revolutionärin vs.Terroristenjägerin

kathekollwitzmemorial Angela Merkel (nebst Frank-Walter Steinmeier) jagt den Terror bzw. läßt ihn jagen – ob in Somalia, Afghanistan, derzeit Gaza und an vielen anderen Orten, ob durch die „Vorratsdatenspeicherung“ oder das neue BKA-Gesetz. Nun beweist sie auch noch Geschichtssinn: durch einen gut getimten Besuch in der Stasi-Unterlagen-Behörde. Und zwar am 15. Januar 2009, auf den Tag genau 90 Jahre, nachdem Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg nach Absprache zwischen Gustav Noske (SPD) und der Armeeführung von einem Freikorps gefangengenommen worden war – als, so damals die Kräfte der alten Ordnung,  „Terroristen“ gehetzt und gegen Belohnung ausgeliefert von braven BürgerInnen, danach „auf der Flucht erschossen“ bzw. „von der aufgebrachen Menge erschlagen“ und zuletzt im Landwehrkanal versenkt wurden (Kommentar in „junge Welt„). Die politisch weitreichenden Konsequenzen dieser damaligen Notwehrhandlung von bürgerlicher Gesellschaft, Machbarkeit, Aufklärung, christlichem Abendland und Zivilisation sind bekannt. Sicherlich auch Frau Merkel: sie hat bestimmt in ihren früheren Zeiten als FDJ-Sekretärin mal was von der Kontinuität der Freikorps zur NSDAP gehört oder sogar referiert – und sie kennt sicher auch die Kontinuitäten von Wehrmacht zur Bundeswehr (gerade konnten wir ja etwa in der Tagesschau am Montag  den Ex-Gebirgsjägergeneral Klaus Reinhardt als „Sicherheitsexperten“ zur Lage im Nahen Osten hören).  Merkel weiß also, was sie tut – denn vergesslich ist sie nicht. Ob man sich allerdings an  auch nur eins ihrer Worte noch in 90 Jahren so erinnern wird, wie man sich weltweit in diesen Tagen an die letzten öffentlichen Worte von Liebknecht und Luxemburg erinnert, muß sehr bezweifelt werden. Trotz alledem.

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9 Gedanken zu “15. Januar: Revolutionärin vs.Terroristenjägerin

  1. Angela Merkel (nebst Frank-Walter Steinmeier) jagt den Terror bzw. läßt ihn jagen – ob in Somalia, Afghanistan, derzeit Gaza

    Ich erachte es als dringlich, dass ein Zusammenschluss, der sich doch mit einigem Anspruch als Anti-Nazikoordination versteht, sich zu Pfarrer Ingo Roers Ausbrüchen von Judenhass auf der Kundgebung der Pälastinensichen Gemeinde am 31/12/08 äußert und möglichst Öffentlichkeitswirksam protestiert.

    So wird in verschiedenen Quellen (Hagalil) Roer mit dem Satz zitiert:Ich könnte mich nicht mehr als Mensch sehen, wenn ich Menschen als „Hamas“ etikettierte, um sie wie Tiere zu schächten und zu schlachten.
    Nun werden wir als Antifaschisten sicher unterschiedliche Aufassungen über die momentane Eskalation der Situation in Israel/Gaza haben, dessen ungeachtet werden wir aber in obigem Redebeitrag mit der perfiden klassischen Imagination des jüdischen Ritualmords (Menschen wie Tiere schächten) aus dem Arsenal des christlichen Judenhasses (als Vorläufer des späteren mit rassentheoretischen Wahnvorstellungen verstärkten eliminatorischen Antisemitismus) konfrontiert. Überflüssig zu sagen, dass die Ritualmordthese einen zentralen Bestandteil der Mobilisierung zum Pogrom darstellt.
    Solchen Wahnvorstellungen müssen wir als Anti-Faschisten in Frankfurt konsequent entgegentreten!

  2. Mrs. Adornix, falls das so ist – und ich werde mich umgehend nach dem Original des Redetextes erkundigen – wird sich die Anti-Nazi-Koordination damit befassen. Die pejorative Verwendung der Chriffre des Schächtens ist eindeutig antisemitisch und kann niemals akzeptiert werden. Das gilt auch für ihre zeitgemäß antiislamisch-rassistische Variante: https://antinazi.wordpress.com/2008/12/06/ganz-im-sinne-der-npd-verwaltungsgericht-giesen-behindert-schachten-kurz-vor-dem-islamischen-opferfest/. Unabhängig vom noch zu überprüfenden Wahrheitsgehalt des Vorwurfs gegen Ingo Roer: antisemitische Äußerungen werden von uns grundsätzlich nie und von niemandem akzeptiert. Und sie diskreditieren den nach meiner Auffassung berechtigten Protest gegen die israelische Aggression im Gaza-Krieg.

    Hans Christoph

  3. D’accord – soweit ich rekonstruieren konnte, ist die Ursprungsquelle der Muslim-Markt (03/01/2009 http://www.muslim-markt.de/Palaestina-Spezial/demos/frankfurt/frankfurt_2008.htm).
    ). Wie Muslim-Markt zu dieser Rede kommt, ob sie also von der Palästinenischen Gemeinde Hessens (dort als Veranstalterin benannt) authorisiert weitergeleitet wurde, geht aus der Seite nicht hervor. Es scheint keine unmittelbare Verschriftlichung von Roer zu sein, denn seine Kirche ist wohl falsch geschrieben: „Christus-Kirche“ statt der vermutlich gemeinten Christuskirche.

  4. Inzwischen habe ich nun leider die Bestätigung: Ingo Roer hat am Mitwoch, 31.12. an der Hauptwache in der Tat genau den Satz, der oben zitiert wurde, gesagt, ihn dann aber am Samstag, 3.1.2009 nicht wiederholt, weil ihm selber Zweifel darüber gekommen seien, ob man sich so ausdrücken dürfe.
    Ich habe ihn in einem Telefongespräch darauf auf die eindeutig antisemitische Konnotation des Begriffs Schächten, wie er in seiner Rede auftauchte, hingewiesen. Roer sprach anscheinend in seiner Eigenschaft als Mitglied eines Arbeitskreises, der sich in der Christuskirche trifft. Meine persönliche Bewertung eines solchen Vorfalls habe ich oben bereits klargestellt und bin sicher, daß sie von der Anti-Nazi-Koordination geteilt wird. Ob über meine persönliche Äußerung zu dieser Frage eine öffentliche Stellungnahme der ANK zu diesem Vorgang erfogen wird, müssen wir bei unserer nächsten Sitzung (12.1.09) klären.

  5. „Eine Nation, die eine andere unterdrückt, kann selbst nicht frei sein“ Karl Marx

    Ich erachte es als dringlich, dass ein Zusammenschluss, der sich doch mit einigem Anspruch als Anti-Nazikoordination versteht, dass wahrlose Morden des israelischen Staates an der Bevölkerung des Gaza Streifen, ohne wenn und aber verurteilt und einen sofortigen Stopp der israelischen Aggression fordert.

    Ich erachte es als dringlich, dass ein Zusammenschluss, der sich doch mit einigem Anspruch als Anti-Nazikoordination versteht, sich mit der israelischen und palästinensischen Linken solidarisiert, die einheitlich fordert: Stoppt das Morden, Stoppt die Belagerung und Stoppt die Besatzung, sowohl in Gaza wie im Westjordanland.

    Ich erachte es als dringlich, dass ein Zusammenschluss, der sich doch mit einigem Anspruch als Anti-Nazikoordination versteht, die Aphartheids-Politik des Staates Israel verurteilt.

    Ich erachte es als dringlich, dass ein Zusammenschluss, der sich doch mit einigem Anspruch als Anti-Nazikoordination versteht, eine sich Antifaschistin nennende Bloggerin, die Namen von AntifaschistInnen im Netz veröffentlicht bzw. auf Seiten verlinkt auf denen dies geschieht (link auf problem child von Mrs. Ardornix Archiv 13 dieser Seite/ bitte sofort löschen), sofort von dem Forum auszuschließen oder ihr dies wenigstens für die Zukunft zu untersagen.

    Ansonsten würde ich Ingo Roer die Gelegenheit geben diese Aussagen öffentlich zurück zu nehmen, da er dieses antisemitische UND antiislamische Vorurteil sicher aus einer sehr nachvollziehbaren Betroffenheit und Trauer über das sinnlose Morden in Palästina, durch die israelische Armee, geäußert hat.

  6. antifa tel-aviv,

    was hängst du hier im web herum?
    Ab an die Front, aber schnell!
    Das Vaterland ruft und erwartet Deinen vollen Einsatz!
    Etwas mehr patriotischen Einsatz, wenn ich bitten darf!
    Sprung auf, Marsch Marsch!!

    „Die Grenzen verlaufen nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen Oben und Unten“.

    Du verteidigst die Oberen. Zusammen mit Merkel, Steinmeier, der Bundeswehr, die gemeinsam mit israelischen Offizieren Übungen durchführt, der mit Israel verbündeten NATO, der mit Israel seit 1996 in einem formellen Militärabkommen verbündeten Regierung der Türkei (man jagt gemeinsam Kurden im nördlichen Irak …), mit der Regierung in Georgien, wohin Israel Militärberater entsandte, der Israel freundschaftlich verbundenen Regierung Ägyptens usw.usf.

    Gegen all die und Dich steht zur Zeit das unterdrückte palästinensische Volk von Gaza. Gegen Dich stehen isarelische Offiziere, die in diesen Tagen den Dienst verweigern und den Krieg in Gaza als Kriegsverbrechen bezeichnen: http://uk.youtube.com/watch?v=MA3QzmWTp20.
    Gegen Dich steht die antimilitaristische israelische Linke, die in diesen Tagen als KriegsdienstverweigerInnen und AntikriegsdemonstrantInnen zu Hunderten eingesperrt wird (und zwar nochmal hübsch ethnisch unterschieden: jüdische und arabische Israelis unterschiedlich behandelt …): http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,600398,00.html.

    An Deiner Stelle, antifa tel-aviv, ginge es mir gar nicht gut. Deshalb hast Du Recht: koks schön. Und kotz anständig hinterher.

  7. Hallo Jörg,

    mußtest du die unangenehm geschwollene Formel von Mrs Adornix („Ich erachte es …“) durch mehrfache Wiederholung noch toppen?
    Ich fand den Hinweis von Mrs Adornix durchaus hilfreich und offensichtlich hat Ingo Roer die Kritik, wie sie ihm Hans Christoph Stoodt vorgetragen hat, auch verstanden und akzeptiert. Der weitere Umgang mit der Aussage wäre daher nun eher Aufgabe der für die Demonstration verantwortlichen Gruppen.
    An dem Beitrag von Mrs Adornix hat mir auch gefallen, dass sie auf der Basis unterschiedlicher Positionen die gemeinsame Haltung gegen Antisemitismus betont.

    Lies doch nochmal die Gründungserklärung der Anti-Nazi-Koordination https://antinazi.wordpress.com/gruendungserklaerung/ Dort steht, welchen Anspruch die ANK hat und welchen nicht. Da steht nichts davon, dass man zur Mitgliedschaft in der ANK auch gegen Israel oder dessen aktuelle Politik sein müßte, sondern: „Wir sind uns nicht in allen Fragen einig. Wir haben unterschiedliche Traditionen, Wurzeln und Ziele.“ Dies ist wohl unter AntifaschistInnen bei keinem anderen Thema so wahr, wie bei der Analyse des Israel/Palästina-Konfliktes. Wer in einem Bündnis in dem es offensichlich die unterschiedlichsten Meinungen zu Israel/Palästina gibt, seine Hardcore-Position durchsetzen will, will spalten.

    Warum gründet ihr denn nicht ein „Bündnis gegen den Krieg in Gaza“ oder eine „antizionistische Koalition“ oder wie immer ihr euch auch nennen möchtet. Dort könnt ihr dann eure Positionen von „Apartheidsstaat Israel“ verbraten, denn ich zumindest werde an einem solchen Bündnis nicht teilnehmen.

    Die vollständigen Namen deiner GenossInnen sind doch nicht von Problem Child oder Mrs Adornix verbreitet worden, sondern von der Zeitschrift Novo (wie ich annehme, mit Einverständnis der genannten).

  8. Hallo,

    ich habe gestern einen Brief von Pfarrer Ingo Roer zur Frage seiner oben diskutierten Äußerung erhalten, den ich korrekterweise hier weitergeben will. Roer hatte am 31.12.2008 an der Hauptwache den, wie er telefonisch klarstellte, subjektiv nicht im antisemitischen Sinne beabsichtigten, objektiv aber nun einmal eindeutig antisemtisch konnotierten Begriff „Schächten“ für das Vorgehen der israelischen Armee in Gaza gebraucht.
    Am Mittwoch, 3.1.2009 hatte Roer wiederum eine Kundgebungsrede, diesmal auf dem Römerberg, gehalten. Dort hat er diesen Begriff nicht mehr verwandt – warum, das entzieht sich meiner Kenntnis. Nach Auskunft von Ingo Roer lautete die entsprechende Passage nun folgendermaßen:

    Wenn Menschen in meiner Gegenwart das Menschsein abgesprochen wird, kann ich mich doch selber nicht mehr als Mensch fühlen. Ich muß protestieren, wenn Menschen als Juden verfolgt werden. Ich muß protestieren, wenn Menschen als „Hamas“ etikettiert werden, um sie ohne rechtliches Verfahren gezielt zu ermorden oder ihre Familien, Frauen und Kinder wie Tiere abzuschlachten.

    Ich kann nicht sagen, ob Ingo Roer den Wechsel dieser beiden Passagen für ausreichend hält, um sich von seinem eigenen Gebrauch des Begriffs „Schächten“ in diesem (oder jedem beliebigen anderen politischen Zusammenhang) zu distanzieren. Das muß er selber klären – am Besten öffentlich.
    Die Anti-Nazi-Koordination verurteilt den Gebrauch des Begriffs Schächten und seine propagandistische Verwendung wie zB. kürzlich durch die hessische NPD grundsätzlich und unter jeder Bedingung als rassistisch und antisemitisch – vgl. hierzu unsere Position hier (einschließlich der religionswissenschaftlichen Hintergrundinformationen zum Schächten in halacha und sharia).

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