„Das war eine gezielte Aktion, keine Rangelei am Rande“ – Augenzeugenbericht vom Naziüberfall

Gitta Düperthal (junge Welt) hat Holger Kindler, Augenzeuge des Naziüberfalls auf einen Bus mit nordhessischen AntifaschistInnen an der Autobahnraststätte „Teufelstal“ bei Jena interviewt und außerdem mit Michael Rudolph gesprochen. Kollege Kindler ist Jugendbildungsreferent, Michael Rudolph Vorsitzender des DGB Region Nordhessen.

[update: Wie inzwischen bekannt wurde, gehören zu den Tatverdächtigen auch NPD-Funktionäre aus Rheinland-Pfalz: NPD-Blog.info]

Zum Interview:

»Gute Gründe für das Verbot solcher Aufmärsche«
Rechter Überfall nach Dresdner Demonstration war offenbar gezielte Aktion.

Gespräch mit Holger Kindler und Michael Rudolph
Gitta Düperthal
Düperthal: Herr Kindler, Sie haben den Angriff der Neonazis auf einen Bus des DGB Nordhessen am Samstag miterlebt. Was ist auf dem Parkplatz des Rasthofs Teufelstal bei Jena geschehen, als Sie sich auf der Rückfahrt von der Demo gegen den Neonaziaufmarsch in Dresden befanden?

Kindler: Auf der Rückfahrt legten wir gegen 19 Uhr eine Pause ein. Wenige Minuten, nachdem wir auf dem Rastplatz angekommen waren, kam ein weiterer Bus, aus dem Neonazis stiegen. Sie waren meist schwarz gekleidet und hatten die typischen Hemden autonomer Nationalisten an. Als sie uns als Gegendemonstranten erkannt hatten, begannen sie aggressiv zu provozieren. Wir haben die Polizei über Notruf gerufen und uns zurückgezogen – in den Rasthof oder in einen der Busse hinein. Einigen ist das nicht schnell genug gelungen. Dann rannten 15 bis 20 Neonazis auf die einsteigenden Kolleginnen und Kollegen los und brüllten »Antifa-Attack«. Sechs oder sieben Leute waren noch vor der Bustür – die Neonazis haben auf ihre Köpfe und Körper eingeschlagen. Der Busfahrer konnte die Tür schließen, drei Kollegen konnten sich noch mit Verletzungen am Kopf und Oberkörper in den Bus retten. Ein Kollege wurde in letzter Sekunde aus dem Bus herausgezerrt. Die Nazis bewarfen die inzwischen geschlossene Tür mit einem schweren Eisklotz – sie ging jedoch nicht zu Bruch. Außerdem schmissen sie mehrere Flaschen gegen den Bus. Drei der Nazis warfen den Kollegen zu Boden, den sie aus dem Bus gezerrt hatten, und traten brutal auf ihn ein. Weitere zehn bis 15 von ihnen standen im Halbkreis um den Bus herum. Nach wenigen Minuten fuhr der Bus mit den Neonazis an, sammelte die meisten ein, und wartete noch auf vier, die am Eingang zum Rasthof provozieren wollten. Als der Bus abfuhr, traf das erste Polizeiauto ein und nahm die Verfolgung auf. Im nachhinein haben wir erfahren, daß die Polizei den Bus nach 15 Kilometern zur Identitätsfeststellung gestoppt hat und wegen Landfriedensbruch ermittelt.

Düperthal: Wie geht es dem Kollegen, der jetzt schwer verletzt im Krankenhaus liegt?

Kindler: Der Kollege von der IG BAU liegt mit einem Schädelbruch in Jena in der Klinik, mußte am Montag operiert werden.

Düperthal: Warum konnte ihrer Meinung nach die Gewaltbereitschaft der Neonazis auf diese Weise eskalieren?

Kindler: Ich gehe davon aus, daß sie eine klare politische Absicht verfolgen und Gewalttaten begehen wollten. Ob sie in Dresden schon aufgeputscht waren, kann ich nicht sagen – dort war alles weiträumig abgesperrt. Es handelte sich aber um eine Gruppe, die sicherlich Erfahrung hat, in dieser Weise organisiert aufzutreten. Soweit ich weiß, ist sie polizeilich bekannt. Das war eine gezielte Aktion, keine Rangelei am Rande.

Düperthal: Herr Rudolph, welche Konsequenz fordert der DGB Nordhessen nach diesem Überfall?

Rudolph: Die brutale Gewalt der Nazis gegen Andersdenkende muß unterbunden werden. Wie nach dem Überfall auf das Jugendcamp am Neuenhainer See im Sommer 2008 fordern wir strafrechtliche Konsequenzen für die Täter. In Nordhessen wurden Übergriffe häufig bagatellisiert. Da wird etwa von einer Kirmesschlägerei gesprochen, wenn es um rechtsmotivierte Gewalt geht. Das wirkliche Ausmaß rechter Straftaten bleibt im dunkeln – diese Vorfälle müssen endlich transparent werden. Im Schwalm-Eder-Kreis haben wir ein Bündnis gegründet, denn die Gewalt wirkt bereits tief in die Gesellschaft hinein. Da sind wir als Gewerkschaften gefragt – aber auch in Betrieben, Vereinen, Verbänden und Kirchen müssen wir klar machen: Nazis haben bei uns nichts zu suchen.

Düperthal: Und was erwarten Sie von Justiz und Politik?

Rudolph: Die strafrechtliche Verfolgung ist sicherzustellen – genauso wie nach dem Überfall am Neuenhainer See. Wir reden hier mindestens über schwere Körperverletzung, bei der auch der Tod des Kollegen billigend in Kauf genommen wurde. Es ist zugleich darüber nachzudenken, endlich rechtsextreme Parteien und Verbände zu verbieten – davon ist die NPD ausdrücklich nicht auszunehmen. Nach Dresden hat sich wieder gezeigt: Diese Organisation funktioniert als Deckmäntelchen für gewalttätige Faschisten. Dagegen muß sich die Demokratie wehren. Weiterhin ist nach dieser ausufernden Gewalt zu überlegen, ob es nicht gute Gründe gibt, solche Aufmärsche künftig zu verbieten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s