Frankfurter Großes Stadtgeläut – geschichtsrevisionstisch umweht

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Er hat‘ s fast geschafft. Nachdem der deutschnationale Stadtverordnete Wolfgang Hübner (BFF) schon seit Jahren versucht hatte, den 22. März als eine Art Gedentktag für die im Jahr 1944 bei einem alliierten Bombenangriff getöteten FrankfurterInnen zu etablieren und damit zunächst mehrfach gescheitert war, ist diese Haltung inzwischen offenbar Mehrheitsmeinung der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Das ist eine klare Rechtsverschiebung des politischen Koordinatensystems der Stadt. Noch im Jahr 2004 hatte Hübner für seine Veranstaltung mit klar geschichtsrevisionistischem Hintergrund keinen öffentlichen oder, wie auch versucht, kirchlichen Raum gefunden. Eine improvisierte Gedenkstunde auf dem Römerberg wurde von AntifaschistInnen deutlich gestört. Und auch noch in diesem Jahr kam der Protagonist einer Sicht auf die Altstadtzerstörung à la Jörg Friedrich nicht weit.
Eine breite Mehrheit im Finanzausschuß der Stadt fand sich nun aber bereit, der Altstadtzerstörung Frankfurts zu gedenken – explizit nicht im historischen Zusammenhang des Nazifaschismus und des von Deutschland begonnen Krieges: ein Antrag der Fraktion DIE LINKE, gemeinsam mit ÖKOLINX einzige Vertreterin der Ansicht, daß ein solches Gedenken allenfalls nur im Zusammenhang mit einem Gedenken für die Opfer deutscher Luftangriffe vertretbar sei, wurde niedergestimmt – wobei sich der Stadtverordnete Hübner laut Bericht der FNP nicht entblödete, den Antrag  höhnisch als „pazifistischen Schmonzes“ – mit einem Begriff aus dem Jiddischen also, zu karikieren. Zuvor waren SPD und GRÜNE sowie die FAG, zunächst allesamt Gegner des CDU-Antrags, im Lauf der Debatte eingeknickt und stimmten der CDU, der FDP und den BFF zu. Zwei Tage später wurde dieser Beschluß des Finanzausschuß in der Stadtverordnetenversammlung von den selben abgenickt.  So weit, so schlecht. Die Sache hat allerdings einen erheblichen juristischen Haken, aus der den geschichtsvergessenen Glockenstrangziehern noch Schwierigkeiten erwachsen dürften, an die sie offenbar nicht gedacht hatten. Denn das sogenannte „Frankfurter Stadtgeläut“ unterliegt klaren rechtlichen Regeln, die zwischen Stadt und Kirchen unter Rückgriff auf ältere Bestimmungen nach dem 2. Weltkrieg vereinbart wurden. Hintergrund waren die negativen Erfahrungen, die auf staatliches Geheiß geläutete Kirchenglocken und mit Hakenkreuzen beflaggte Kirchtürme in der Zeit des Nazifaschismus hinterlassen hatten. Deshalb war in den 50er Jahren in der sogenannten Frankfurter Läuteordnung eindeutig festgelegt worden: das Frankfurter Stadtgeläut ertönt nur zu kirchlichen Zwecken. Aus diesem Grund wurde es von beiden Kirchen auch zum nationalen Großerereignis des 3. Oktober 1990 („Wiedervereinigung“) verweigert – ebenso wie 2005 die beiden Kirchen als Zeichen des Protests gegen den vom Einzelhandel durchgepaukten verkaufsoffenen 1. Adventssonntag das „Große Stadtgeläut“ am Samstag zuvor ahtten ausfallen lassen. Beide Beispiele zeigen, daß die Kirchen in den vergangenen Jahren durchaus gewillt waren, ihren Positionen, was das läuten angeht, auch in durchaus harten Konflikten Gehör zu verschaffen.  Es wird sich bald herausstellen, ob allen Stadtverordneten bekannt und bewußt war, was sie taten, als sie am vergangenen Donnerstag die Hand zu einem Antrag ausgerechnet der CDU hoben, mit der eine jahrzehntealte staatlich-kirchliche Regelung schlicht einseitig aus den Angeln gehoben wurde. Denn eine vorherige Konsultation mit den betroffenen Kirchen hat nicht stattgefunden. Diese soll nun eiligst nachgeholt werden – im Gespräch zwischen Kirchendezernent Becker (CDU) und den Spitzen der evangelischen und der katholischen Kirche. Man darf gespannt sein, wie diese Bemühungen enden und welche Position sich letztlich durchsetzen wird: die von BFF und CDU samt Anhang in SPD, FDP, GRÜNEN, FAG – oder die bisherige der Kirchen und aktuelle der LINKEN und ÖKOLINX.

Link zum Thema: Rede der Stadtverordneten Jutta Ditfurth gegen Wolfgang Hübner aus dem Jahr 2004

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3 Gedanken zu “Frankfurter Großes Stadtgeläut – geschichtsrevisionstisch umweht

  1. Vor 70 Jahren:
    Frankfurt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs

    Am 1. September 1939 – in diesem Jahr vor 70 Jahren – begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen der Zweite Weltkrieg.

    Zu diesem Zeitpunkt wurde das neue Glockenspiel (Carillon) für die ehemalige Ratskirche, die Alte Nikolaikirche am Römerberg, bestellt und gegossen, was auch ein Kapitel Frankfurter (Kriegs-)Geschichte darstellt. -Die Anregung hierzu hatte ein Mitarbeiter des Städtischen Musikbeauftragten an Nazioberbürgermeister Dr. Friedrich Krebs herangetragen, der den Vorschlag „reizvoll“ fand, weil er dann rechtzeitig zum Mittagessen gerufen werde. Dem Zeitgeist entsprechend sollten u.a. folgende Stücke vom neuen Glockenspiel erklingen: „Lieder vom Reich“, „Wenn alle untreu werden“, „Heilig Vaterland“ und „Nun laßt die Fahnen fliegen“.

    Trotz der Rohstoffbewirtschaftung und des inzwischen entfesselten Zweiten Weltkrieges lag Anfang Oktober 1939 die Meldung vor, dass das Glockenspiel fertig gegossen sei. Mit der musikalisch-technischen Abnahme wurde der Carillonneuer Wilhelm Bender aus Berlin, gebürtiger Frankfurter, beauftragt.

    Der Musiker Bender, der einst Kantor und Glockenspieler an der Parochialkirche in Berlin war, hat das Glockenspiel der ehemaligen Ratskirche St. Nikolai eingerichtet. An der Frankfurter Staatlichen Hochschule für Musik erhielt er 1942 eine Professur für Schulmusik. Leider musste er dann bald in den Krieg ziehen. Der Onkel des ehemaligen Flughafen-Chefs Wilhelm Bender ist 1944 – er war erst 33 Jahre alt – in Griechenland gefallen.

    Nach der Beschlagnahme der Glocken für Kriegszwecke im Jahre 1942 schrieb der Glockenspieler W. H. Simmermacher an den OB Krebs: „Die Abnahme (des Glockenspiels) ist mir sehr nahe gegangen…jedoch ist es im Hinblick auf den Endsieg eine Notwendigkeit gewesen.“ Beim letzten Glockenspiel am Sonntag, 30. August 1942 war keine Kirchenmusik, sondern lediglich patriotische Lieder bzw. Volkslieder zu hören, wie z.B. „Führergruß“, „An des Rheines schönem Strande“ und „Ach, es ist so schwer, aus der Heimat zu geh´n“.

    Wie könnte heute eine für alle wohltuende Trennung zwischen Staat (Stadt) und Kirche aussehen?
    – JTM

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