Für die „Werte des Westens“: US-Waffenlieferant versieht seit Jahren seine Mordgeräte mit „biblischen Codierungen“

Heiliger Krieg auf US-christlich:
Jesus mit Knarre und Zielfernrohr made by Trijicon.

Der US-Waffenlieferant Trijicon versieht, wie die Geschäftsleitung vor einigen Tagen bestätigte, an die US-Armee gelieferte Waffen systematisch mit sogenannten „biblical codes“.
Schaut etwa ein US-Soldat im sogenannten Anti-Terrorkampf durchs Zielfernrohr „Advanced Combat Optical Gunsight“ (ACOG) seines Sturmgewehrs, dann soll er sich göttlichen Beistands beim Abdrücken auf den – meist islamischen – Feind sicher sein. Auf der Zielhilfe ist seitlich zB. „JN 8:12“ eingeprägt. Dies ist mit voller Absicht – und unter Verwendung der üblichen Zitierweise eines neutestamentlichen Textes – der Verweis auf einen Satz im Evangelium des Johannes, Kapitel 8, Vers 12: „Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.
Diese unbestrittene Tatsache wird seit Tagen in US-Medien diskutiert: Nachricht auf ABC-News. Auch in Deutschland wird – allerdings bisher nur in der Öffentlichkeit von Blogs – diskutiert. Wie in einer Nachrichtensendung von ABC erläutert, verstößt der Rüstungsbetrieb mit seiner bizarren Praxis gegen eine Dienstanweisung der US-Army, die allen Ernstes ihren Soldaten in Afghanistan und Irak jede Form der Mission im Einsatz (!!) verbietet.
Mission durchs Zielfernrohr?  Ist allein schon ein zugleich schießender und missionierender Besatzungssoldat in sich bereits eine an Absurdität kaum noch überbietbare Vorstellung und schwerste Blasphemie, so wird in einem Internetforum ganz offen klargestellt, daß die mit „biblical codes“ im Widerspruch zu den Bestimmungen mindestens seit 10 Jahren im Einsatz sind: „abc is almost ten years too late on this on. There was a reference to text in the Bible on my Reflex when I had it” heißt es zum Beispiel hier.
Die militärischen Vorgesetzten hätten derart ausgerüstete Waffen deshalb auch schon mal als „Jesus Rifles“ bezeichnet. Man wußte also an der sogenannten Front zwischen Zivilisation und Islam durchaus, was die Einprägungen bedeuten sollten.
Trijicon verdient gut an den Zielfernrohren für  „Jesus-Rifles“: “the maker of the sights, Trijicon, has a $660 million multi-year contract to provide up to 800,000 sights to the Marine Corps, and additional contracts to provide sights to the U.S. Army” heißt es hier.
Theologisch gesehen handelt es sich bei diesem Vorgang selbstverständlich um übelste Blasphemie, nämlich den absichtlichen Mißbrauch von Bibelworten für das genaue und interessierte Gegenteil dessen, was ursprünglich gemeint ist.
Politisch beweist der Vorgang den hohen Einfluß aggressiver evangelikaler Positionen im öffentlichen Leben der USA.
Ideologisch zeigt er, daß an führender Stelle dieses Staates und ebenso an der ihre Mordgeräte im Kampf gegen „Ungläubige“ einsetzenden Soldaten genau die Mentalität der integristischen Vermischung partikular-religiöser und säkular-öffentlicher Interessen und Angelegenheiten zu finden ist, die sie ihren Feinden, also etwa dschihadistsichen Muslimen, vorwerfen, gegen die jedes Mittel erlaubt ist: die anderen sind die Ungläubigen, wir kämpfen für die Sache Gottes oder Jesu.

Beleidigte Bekräftigung und taktische Kritik
Bezeichnend sind auch die jetzigen offiziellen Reaktionen. Trijicons entrüstete Stellungnahme gibt alles zu, begründet die eigene Position auch noch ausdrücklich und zeigt beleidigt mit dem Zeigefinger auf die bösen Anderen. Man verweist darauf, die „inscriptions“ auf den Waffen habe es „immer schon gegeben“. Die nun daran geäußerte Kritik daran komme von “unchristlicher Seite” – das Unternehmen bestätigt also genau seine dualistische Grundposition: “Trijicon confirmed to ABCNews.com that it adds the biblical codes to the sights sold to the U.S. military. Tom Munson, director of sales and marketing for Trijicon, which is based in Wixom, Michigan, said the inscriptions „have always been there“ and said there was nothing wrong or illegal with adding them. Munson said the issue was being raised by a group that is „not Christian.“ The company has said the practice began under its founder, Glyn Bindon, a devout Christian from South Africa who was killed in a 2003 plane crash”
Der Vertreter einer dem US-Militär nahestehenden Stiftung  hingegen kritisierte den Vorgang auch aus taktischen Gründen: ““It’s wrong, it violates the Constitution, it violates a number of federal laws,“ said Michael „Mikey“ Weinstein of the Military Religious Freedom Foundation, an advocacy group that seeks to preserve the separation of church and state in the military. … It allows the Mujahedeen, the Taliban, al Qaeda and the insurrectionists and jihadists to claim they’re being shot by Jesus rifles,“ he said.
Womit die zuletzt Angesprochenen dann ja auch völlig Recht und die message verstanden haben – genau so ist es vom Hersteller auch gemeint, von der US-Armee seit Jahren toleriert und von den die Waffen Handhabenden zumindest teilweise auch durchaus gewußt.

Irrationalismus als dominante Bewußtseinform
der imperialistischen Gesellschaft
Insgesamt zeigt der Vorgang an einem kleinen Detail das immer wieder verblüffende Ausmaß von Irrationalismus und Obskurantismus an der Spitze sowie der Mitte der Gesellschaft des stärksten imperialistischen Staates, der im vom mainstream der BRD-Medien und selbst Teilen der („antideutschen“) radikalen Linken, sowie, natürlich, bei H.M.Broder gläubig nachgebeten Märchen, angeblich der Garant von Zivilisation und Aufklärung gegen alle die westliche Lebensweise in Frage stellenden sinistren, bösartigen und irrationalen Mächte sei.
Ein weiteres aktuelles Beispiel für diesen anscheinend völlig normalen Irrsinn ist die Behauptung des reaktionären evangelikalen Tele-Predigers Pat Robertson, offenbar ein Hassprediger reinsten Wassers, das Elend der Bevölkerung Haitis sei quasi selbstverschuldet: die schwarzen Sklaven der Insel, die im siegreichen Aufstand von 1802 und unter Berufung auf die Französische Revolution von 1789  die französischen Plantagenbesitzer vertrieben, seien dazu nur im Bunde mit dem leibhaftigen Satan in der Lage gewesen. Jetzt werde, nach der Logik dieses auch explizit gegen die französische Revolution Position beziehenden Schwachsinns, den Nachfahren dessen eben die Rechnung präsentiert – wer es nicht glaubt, muß es sich halt hier ansehen. Weiterer Bericht. Zu den historischen Fakten dagegen  hier.
Daß es sich bei solchen Vorgängen nicht um Zufälle oder vernachlässigenswerte Details handelt, hat der marxistische Literaturwissenschaftler und Philosoph Thomas Metscher schon vor einiger Zeit überzeugend dargelegt und geradezu von einer „Kultur des Todes“ in der imperialistischen Gegenwart gesprochen. Eine Zusammenfassung seiner Thesen findet sich zB. hier.

Sozialismus oder Barbarei
Den besten Kommentar zu den eigentlich nur so erfaßbaren Aufwallungen des Wahnsinns, wie sie sich im Detail von „Jesus Rifles“ und Telepredigern wie Pat Robertson manifestieren, lieferte Rosa Luxemburg bereits 1917 in ihrer Schrift „Die Krise der Sozialdemokratie“, der sogenannten Junius-Broschüre.
„Friedrich Engels sagt einmal: Die bürgerliche Gesellschaft steht vor einem Dilemma, entweder Übergang zum Sozialismus oder Rückfall in die Barbarei. Was bedeutet ein ‚Rückfall in die Barbarei’ auf unserer Höhe der europäischen Zivilisation? Wir haben wohl alle die Worte bis jetzt gedankenlos gelesen und wiederholt, ohne ihren furchtbaren Ernst zu ahnen. Ein Blick um uns in diesem Augenblick zeigt, was ein Rückfall der bürgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei. Der Triumph des Imperialismus führt zur Vernichtung der Kultur – sporadisch während der Dauer eines modernen Krieges und endgültig, wenn die nun begonnene Periode der Weltkriege ungehemmt bis zur letzten Konsequenz ihren Fortgang nehmen sollte. Wir stehen also heute, genau wie Friedrich Engels vor einem Menschenalter, vor vierzig Jahren, voraussagte, vor der Wahl: entweder Triumph des Imperialismus und Untergang jeglicher Kultur, wie im alten Rom, Entvölkerung, Verödung, Degeneration, ein großer Friedhof; oder Sieg des Sozialismus, d. h. der bewussten Kampfaktion des internationalen Proletariats gegen den Imperialismus und seine Methode: den Krieg.”
Rosa Luxemburg bot damit nicht nur den Werten der Aufklärung, Rationalität und Zivilisation ein Asyl in der revolutionären Linken und einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft an, sondern, wie man heute als Theologe dankbar anerkennen muß, auch der christlichen Theologie, die in einer Gesellschaft von Jesus-Rifles und Pat Robertsons außer dem Versuch gemeinsamen und gegenseitigen Trostes mit der global marginalisierten Mehrheit der Menschen und der Natur sowie dem lautem Aufruf und der Ermutigung zu Widerspruch, Widerstand und Revolution im Namen einer „Kultur des Lebens“ ansonsten schlicht und einfach nichts mehr zu suchen und zu sagen hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s