22. März 2010: Glockenläuten – für wen?

Sah es im September 2009 noch so aus, als stünde Wolfgang Hübner nur knapp vor der Erfüllung eines Traums,  so kann man inzwischen feststellen: er hat‘ s geschafft. In Frankfurt am Main wird am 22. März 2010, auf Beschluss aller Fraktionen der Stadtverordnetenversamm-lung mit Ausnahme der LINKEN und Ökolinx sowie unter Kooperation der beiden großen christlichen Kirchen eine wenig modifizierte Form des sogenannten „Großen Stadtgeläuts“ ertönen – zum Gedenken an die  Opfer der allierten Bombenangriffe auf Frankfurt an diesem Tag im Jahre 1944. Die Stadtverordnetenversammlung möchte also der Trauer der Stadtgesellschaft Ausdruck geben, indem sie die beiden christlichen Kirchen auffordert, von den Türmen der Innenstadtkirchen läuten zu lassen, anstatt sich selber der politischen Arbeit auszusetzen, eine konsensfähige Form des Gedenkens zu finden. Wir halten diesen Vorgang für einen abscheulichen Meilenstein in einer so noch vor Kurzem für undenkbar gehaltenen  Durchsetzung einer geschichtsrevisonistischen Sicht auf den Zweiten Weltkrieg.
Denn wessen morgen gedacht wird, ergibt sich vor allem aus einer Betrachtung darüber, wessen morgen in der von Hübner sowie CDU, FDP, SPD und GRÜNEN beschlossenen Form nicht gedacht werden kann
nämlich aller Opfer des Nazifaschismus und des Krieges sowie ihrer Nachkommen, die sich nicht in der Form eines Glockenläutens von Kirchtürmen angemessen gewürdigt fühlen können oder wollen: viele Jüdinnen und Juden, kommunistische und sozialdemokratische WiderstandskämpferInnen, von denen viele keine Kirchenmitglieder waren. Ihrer kann und darf man zumindest nicht ungefragt angemessen in einer Weise gedenken, die einer spezifisch christlichen, religiösen Formensprache entspringt. Übergeht man diese Tatsache, macht man gewollt oder ungewollt deutlich, daß auf sie keinen Wert gelegt werden, das Gedenken also exklusiv auf eine bestimmte „Opfergruppe“ begrenzt bleiben soll.

Nicht gedenken können in dieser Form sicherlich auch nicht so einfach alle die, die als MigrantInnen oder deren Nachkommen durchaus auch der historischen Zerstörung der Stadt, in der sie inzwischen seit langem leben, hätten gedenken können und wollen, solange dies in einer allen möglichen Form geschehen und nachdem es in einer breiten und inklusiven zivilgesellschaftlichen Debatte vorbereitet gewesen wäre. Das ist nicht geschehen. Das wollte Hübner wahrscheinlich auch gar nicht, und denen, die ihm zustimmten, war es anscheinend entweder egal oder keinen Konflikt wert. Faktisch ist daher das morgen erstmalig stattfindende Gedenken aufgrund seiner Form eine Exklusivveranstaltung der Nachkommen derjenigen Deutschen, die weder jüdische, atheistische oder migrantische Wurzeln hatten.
Allein schon diese Überlegung macht jede Zustimmung von AntifaschistInnen zu der morgen bevorstehenden Premiere des Geläuts an einem 22. März unmöglich.
Hinzu kommt, daß bislang mit guten Gründen das sogenannte Große Stadtgeläut auf vier christliche Feiertage beschränkt war, die durch die „Frankfurter Läuteordnung“ von 1978 zwischen Stadt und Kirchen geregelt war.
Der 22. März 2010 wird in die Frankfurter Geschichte eingehen als derjenige Tag, an dem diese Regel zum ersten Mal durchbrochen wurde – auch wenn, was ursprünglich gar nicht vorgesehen war, nur mit der jeweils tiefsten Glocke aller sogenannten Dotationskirchen geläutet werden soll. Welcher politische Vorgang sich hier abspielt, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß selbst am Tag der sogenannten Wiedervereinigung Deutschlands, am 3. Oktober 1990, sich die beiden Kirchen standhaft weigerten, diesem staatspolitischen Vorgang durch ihre Kirchenglocken irgendeine angebliche  „höhere Weihe“ zu erteilen. Es gab dazu seinerzeit heftige politische Auseinandersetzungen, in denen sich die Kirchen letztlich durchsetzten und nicht läuteten. Diesmal läuten sie – fast alle.

Noch im Jahr 2004 scheiterte Hübner mit einer vergleichbaren Initative und machte zugleich deutlich, wo er politisch steht. Sein Versuch, zur Erinnerung an den 22. März 1944 sechzig Jahre später in einem kirchlichen Gebäude direkt am Römerberg eine Lesung von Jörg Friedrichs  Buch „Der Brand“ stattfinden zu lassen scheiterte daran, daß ihm in letzter Stunde der Raum entzogen wurde. Es entfiel damit der kirchliche Ort für die Lesung aus einem Buch, an dem Hannes Heer in seiner Untersuchung „Vom Verschwinden der Täter“ besonders deutlich machen konnte, wie der „deutsche Seelenfrieden“ gestrickt ist. Eine Ersatzveranstaltung andernorts wurde am selben Tage von AntifaschistInnen erfolgreich gestört – wobei sich herausstellte, daß sie auch von altbekannten Nazis der sogenannten „Erlebnisgeneration“ besucht war.
Wir wüßten nicht, daß Hübner sich seither politisch gewandelt hätte. Gewandelt haben sich offenbar andere.
Völlig entlarvend aber ist der Umstand, daß die Stadtverordnetenversammlung mit ihren Mehrheitsfraktionen sich zwar dazu bereit finden konnte, Hübners Form eines christlich-deutschen Gedenkens zu akzeptieren, ein Jahr zuvor aber mit denselben Fraktionen einen Antrag der LINKEN abgeschmettert hatte, künftig in jedem Jahr und offiziell des 8. Mai 1945 als eines Tages der Befreiung zu gedenken. Deutlicher kann man sich selber kaum positionieren.
Das politische Koordinatensystem Frankfurts verschiebt sich nach rechts. Das wird ausgerechnet am Tag der Zerstörung Frankfurts als einer direkten Folge des von Nazideutschland und seiner „Zustimmungsdikatur“ über weite Teile der Welt gebrachten Krieges offiziell zu Protokoll gegeben.
Umso bemerkenswerter ist die Haltung des Kirchenvorstands der St. Paulsgemeinde, der für die Alte Nikolaikirche auf dem Römerberg seine Zustimmung zu dieser schlimmen Gemeinschafts-Veranstaltung verweigerte.

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2 Gedanken zu “22. März 2010: Glockenläuten – für wen?

  1. Ihre Stellungnahme entbehrt bedauerlicherweise der Sachlichkeit. Warum soll eine Stadt nicht um die Verbrannten, Erschlagenen, Hinterbliebenen trauern – gleichgültig, ob sie Christen, Nichtchristen, Deutsche, Juden, Ausländer oder Zwangsarbeiter waren? St. Katharinen tut es heute mit einem ökumenischen Gottesdienst. Hans Christoph Stoodt hat es im Jahr 2004 in eben dieser Kirche auch getan (mich bat er seinerzeit, als Zeitzeuge des geschehens zu berichten!!). Und ich habe 1974 (1 1/2 Jahre nach Dienstantritt in St. Katharinen) einen Gedenkgottesdienst gehalten. 1984 – 40 Jahre danach – wurde in dieser Kirche von mir in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Gestaltung und der Öffentlichkeitsarbeit des ERV eine eindrucksvolle Fotoausstellung von der Zerstörung unserer Stadt im Gedenken der Tausenden von Toten und der Hinterbliebenen gezeigt und ihrer in den täglichen Kurzandachten fürbittend gedacht.
    Ich bitte, mich aus Ihrer Anschriftenliste zu streichen.
    J. Proescholdt

  2. Sehr geehrter Herr Proescholdt,

    Ihrer Bitte werden wir mit Bedauern entsprechen.
    Es wäre leicht, nun den Spieß umzudrehen, und umgekehrt Sie der Unsachlichkeit zu bezichtigen.
    Oder sehen Sie tatsächlich den Unterschied zwischen den seit Jahrzehnten geübten unterschiedlichen Formen kirchlichen Gedenkens am 22. März und der gestrigen Veranstaltung nicht? Das können wir uns nicht vorstellen.

    Noch einmal (obwohl es oben auch alles schon zu finden ist):
    das gemeinsame Läuten aller Glocken der Frankfurter Dotationskirchen heißt in Frankfurt, wie Sie wissen, Großes Stadtgeläut, und ist durch eine Vereinbarung zwischen Stadt und Kirchen geregelt, deren Kern darin besteht, daß es ausschließlich zu Gottesdienst und Gebet stattfindet. Damit ist seinerzeit nicht zuletzt der kirchenhistorischen Erfahrung einer unheilvollen und staatsnahen Politisierung spezifisch kirchlicher öffentlicher Ausdrucksformen Rechnung getragen worden, die auch heute sehr verteidigenswert ist. Deutschland führt zum Beispiel gegenwärtig Krieg. Der Gedanke muß nicht weiter ausgeführt werden.

    Anlässlich des Stadtverordentenversammlungsbeschlusses zum 22. März 2010, dem eine Debatte im Haupt-und Finanzausschuss voranging, war von Gedenkgottesdiensten unseres Wissens nicht die Rede, wohl aber vom Läuten der Glocken aller Dotationskirchen – denn nur auf diese hat die Stadt aufgrund der Eigentumsverhältnisse, die Sie ja kennen, überhaupt Zugriff.

    Der entsprechende Beschluss war – nach der im obigen Text geschilderten Vorgeschichte – wiederum von dem deutschnationalen Abgeordneten Hübner, einem notorischen Rechten und seit Jahren auch sogenannten „Islamkritiker“, einer Art kleinem Frankfurter Geert Wilders, eingebracht worden.
    Ähnlich wie in der Frage des Wiederaufbaus von Teilen der Frankfurter Altstadt trieb er mit seinen populistischen Positionen auch hier die Stadtverordnetenversammlung vor sich her und (fast) niemand wagte, ihm zu widersprechen.

    Auf dem Hintergrund dieser Vorgeschichte ist für uns klar:
    die gestrige Veranstaltung stellt im Modus des Gedenkens die Form einer Frankfurter vorgeblich gemeinsamen Identität in der Trauer her, die in Wahrheit hochgradig ausschließend ist (siehe oben): Jüdinnen und Juden, Nichtmitgliedern der Kirchen, Linken, allen gegenüber, für die andere Formen des Gedenkens als die zu christlichem Gottesdienst und Gebet vorgesehen Form des Großen Stadtgeläuts.
    Wollen Sie etwa Juden, Kommunisten und andere Nicht-Kirchenmitglieder in diese Form des Gedenkens ungefragt „eingemeinden“?
    Sicher nicht.
    Wenn aber nicht – wo findet dann das Gedenken für sie in dieser Form Platz? Das ist dem Abgeordneten Hübner – möglicherweise nicht einmal unabsichtlich – egal. Uns sollte es aber nicht egal sein.
    An alledem ändert auch die Tatsache nichts, daß das Große Stadtgeläut in nachträglichen (!) – also nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung überhaupt erst aufgenommenen – Verhandlungen auf das Läuten mit der jeweils tiefsten Glocke – modifiziert wurde, und daß erst nachträglich (!), also nach dem Stadtverordnetenbeschluss, die Kirchen dazu aufriefen, dann dieses veränderte Stadtgeläut durch den Gottesdienst in der Katharinenkirche quasi zu legitimieren. Diesem Vorgehen hat sich der Kirchenvorstand der St. Paulsgemeinde mit guten Gründen nicht anschließen können. Weder ist es liturgisch üblich, zu einem Gottesdienst zu läuten, der in einer völlig anderen Kirche stattfindet, noch gab es bislang in Frankfurt ein „Trauergeläut“, welches in der Form, die nun gefunden wurde, stattfand.
    Wie auch immer man also das Ganze dreht und wendet: gestern wurde, und zwar auf Antrag von Wolfgang Hübner, die durchaus bewährte Läuteordnung zum Großen Stadtgeläut unterlaufen bzw. modifiziert. Daß dies auf dem Hintergrund der Geschichte dieser Ordnung nichts anderes als eine geschichtsrevisionistische Politisierung nach Rechts ist, dürfte nach Hübners Vorgeschichte in diesem Zusammenhang klar sein (vgl. die obige Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 2004 zu diesem Punkt). Wir können uns nicht vorstellen, daß das nun gerade in Ihrem Sinne ist.
    Es hat keine wirkliche, die seit 1944 veränderten Verhältnisse Frankfurts reflektierende Debatte in der Stadt gegeben, in welcher Form heute eine würdige und angemessene, den historischen Kontext der Altstadtzerstörung nicht ausblendende Trauerfeier zu gestalten sei.
    Wir stellen das fest und kritisieren das.

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