Wiesbadens Beitrag zum 65. Jahrestag der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus …

So sehen Sieger aus:
sowjetische und US-Soldaten am 25. April 1945
in Torgau an der Elbe.
(Quelle: junge Welt)

… wird in die Geschichts-bücher der Stadt eingehen: eine staatlich abgesicherte Demonstration von ca. 100 Jungnazis durch einen von Hunderten Polizisten abgeriegelten Stadtteil Erbenheim. Die Nazis wollten auf diese Weise und zu diesem Datum ihre Forderung nach einem „Abzug der US-Besatzer“ verdeutlichen, und der Jamaika-Koalitions geführte Magistrat, allen voran Ordnungsdezernentin Zeimetz (CDU) willfahrte gerne und nach wochenlanger Geheim-Kungelei mit der NPD. In einer am Vorabend bis zum Verwaltungsgerichtshof in Kassel seitens des Magistrat erfolgreich verteidigten Auflagenverfügung für die antifaschistischen Aktionen wurde ganz Alt-Erbenheim südöstlich der Bahnlinie wörtlich als staatliche „no-go area für Gegendemonstranten“ bezeichnet und der Nazi-Demo als Aufmarschgebiet zur Verfügung gestellt. Die Nazis nahmen die Einladung dankend an, hatten sie doch hier, direkt am US-Airfield dank Magistrats-Schützenhilfe die Gelegenheit, ihr Anliegen direkt vor Ort an den Mann zu bringen.
Etwa 2000 GegendemonstrantInnen machten ab etwa 13:00 Uhr ihrem Unmut durch eine spontane Demonstration in die Wiesbadener Innenstadt Luft und hielten am Hauptbahnhof eine Abschlußkundgebung ab. Es gab unsererseits einige Verletzte und 19 Festnahmen. Und als Sahnehäubchen räumte die Polizei, Freund & Helfer der sich auf die Verlierer von 1945 Berufenden, auf dem Rückweg ein komplettes S-Bahn-Abteil leer, um 5 (fünf) Nazis eine sichere und begleitete Rückfahrt von Wiesbaden Richtung Frankfurt zu garantieren.  Zur Auswertung im Einzelnen:
Schon am frühen Morgen war Erbenheim über Schiene oder Straße nur noch durch ein engmaschiges Netz von Polizeikontrollen zu erreichen. Wenige GegendemonstrantInnen, die sich im den Nazis zugesprochenen Teil des Ortes aufhielten, bekamen sehr bald Platzverweise. Eine städtisch organisierte Busverbindung vom Hauptbahnhof zum antifaschistischen Kundgebungsort entpuppte sich sehr bald als integraler Teil des Polizeikonzepts: in Erbenheim angekommen sollte allen AntifaschistInnen zugenutet werden, sich einzeln durchsuchen und die Personalien feststellen zu lassen. Dies verweigerten etliche DemonstrantInnen am Kontrollpunkt Hochfeld mit Erfolg. Ein Gruppe von AntifaschistInnen aus dem Ort verhandelten zunächst mit der Einsatzleitung und durchbrach dann einen Polizeikette, ohne sich kontrollieren zu lassen. Ähnlich erfolgreich war eine Gruppe von AntifaschistInnen, die für längere Zeit die Gleise der Bahnlinie blockierten, mit der die Nazis zum Bahnhof Erbenheim gekarrt wurden.
In Erbenheim selbst brach die Polizei nach Auffassung der AntifaschistInnen den sowieso schon fragwürdigen Beschluß des VGH vom 7.5., indem bereits weit im Bereich der „antifaschistischen Zone“ Erbenheims Straßensperren und dichte Postenketten jede Annäherung an Bahnlinie und Nazi-Demoroute verhinderten. Dabei kam es an der Kreuzung Tempelhofstraße / Kreuzberg-Ring, Hunderte von Metern zur „Zonengrenze“ entfernt, zu einem heftigen Pfeffersprayeinsatz der Polizei. Gegen 13:00 brach die gemeinsame Demoleitung des „Rhein-Main-Bündnis 8. Mai“  alle Verhandlungsversuche mit der Polizei ab, weil deutlich wurde, daß jeder Versuch dieser Art seitens der polizeilichen Einsatzleitung zum Zeitgewinn für die Nazis genutzt wurde, die bereits durch Erbenheim paradierten. Hier schlug  ihnen wenigstens die lautstarke Ablehnung einer an diesem Tag stattfindenden  Gewerkschaftsveranstaltung in Alt-Erbenheim entgegen.
Die AntifaschistInnen schlossen ihre Versammlung um 13:00, meldeten zugleich eine knapp vier Kilometer lange Spontandemonstration über die Berliner Straße zum Hauptbahnhof Wiesbaden an und machten sich ohne lange Gespräche mit der Polizei auf den Weg – zusammen mit zwei Lautsprecherwagen. Am Ende dieses gut gelaunten Demozuges bei bestem Mai-Wetter blockierten die gut 2000 DemonstrantInnen für etwa 45 Minuten die Kreuzung Gustav-Stresemann-Ring / Mainzer Straße und damit einen Verkehrsknotenpunkt der Stadt.  Alle Versuche der Polizei, uns zu einem anderen Abschlußort als dem Hauptbahnhofsvorplatz zu überreden wurden zurückgewiesen und die Polizei gab – vermutlich als die meisten, aber eben noch nicht alle Nazis  wieder im Zug nach Hause saßen, schließlich nach. Die Abschlußkundgebung dauerte etwas länger als eine Stunde und war von einer Reihe verschiedener Redebeiträge geprägt, in denen die Bedeutung des 8. Mai hervorgehoben, die historischen Nazis, ihre heutigen NachfolgerInnen sowie die Politik der Stadt Wiesbaden im Umgang mit Nazis verurteilt wurde.  Während der Abschlußkundgebung provozierte die Polizei mehrere kleiner Zwischenfälle, in deren Verlauf es zu einigen weniger schweren Verletzungen und drei Festnahmen kam. Einige AntifaschistInnen nutzten die Möglichkeit, im Wiesbadener Bahnhof einer Gruppe von Nazis klar zu machen, was sie von ihnen hielten.

Das „Rhein-Main-Bündnis 8. Mai“ hat sein wesentliches Ziel, die Verhinderung der Nazi-Demo in Erbenheim, nicht erreicht. Dennoch hat dieses außergewöhnlich breite Bündnis trotz einiger Spannungen sich bis zum Schluß nicht auseinanderdividieren lassen und gemeinsam gehandelt. Verschiedene RednerInnen erklärten, das Bündnis solle zusammenbleiben, sich weiter entwickeln ud künftig mit noch mehr Menschen noch entschiedener und entschlossener gegen Nazis, RassistInnen und AntisemitInnen vorgehen. Die Demonstration zum Hauptbahnhof sorgte dafür, daß der polizeilich Erfolg begrenzt blieb.
Von der Demonstration der NPD und JN hat außer Erbenheimer AnwohnerInnen, die dringend etwas auf den menschenleeren Straßen des Stadtteils zu erledigen hatten, niemand etwas mitbekommen.
Die Polizei hat sich erneut als Ermöglicher einer Faschistendemonstration verhalten, AntifaschistInnen angegriffen und festgenommen und zugleich die Nazis hofiert – bis hin zum Begleit-Service nach Hause.
Der Magistrat der Stadt Wiesbaden hat sich nach Kräften als Ermöglicher einer Faschistendemonstration an einem 8. Mai blamiert. Verschiedene RednerInnen brachten zum Ausdruck, daß das Vorgehen der Ordnungsbehörden und der Polizei ein heftiges politisches Nachspiel in der Stadt haben wird – bis hin zur Forderung nach dem Rücktritt der Ordnungsdezernentin.

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3 Gedanken zu “Wiesbadens Beitrag zum 65. Jahrestag der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus …

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