Landgericht Köln: Beschneidung ist „Körperverletzung“

Seit etwa 3000 Jahren werden Juden, seit etwa 1300 Jahren Muslime wenige Tage nach der Geburt oder später beschnitten. Trotz Jahrhunderten des Antijudaismus, des Antisemitismus und trotz Sho’ah hat nun das Landgericht Köln, ein deutsches Gericht, zu entscheiden gewagt: Beschneidung ist Körperverletzung.
Politically Incorrect“ jubelt. (Auch der „Führer“ wäre begeistert gewesen.)
Ein weiteres Mal, wie schon im Fall des Schächtens, werden vordergründig tier- bzw. menschenrechtliche Bedenken gegen eine identitätsbildende, in religiöser Form überlieferte Praxis einer ethnisch-kulturellen Minderheit in Anschlag gebracht. Gemeint sind die Muslime, mitabgeurteilt werden die Juden.
Vielleicht führt ja die Erfahrung, wie heftig die “ israelsolidarische“ Rechte über dieses Urteil jubelt, zu einem Klärungsprozess über den Wert, den diese „Solidarität“ hat.

(Dieses Posting  wird intensiv diskutiert, siehe unten. Einige weitere Kommentare können auch hier nachgelesen werden).

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10 Gedanken zu “Landgericht Köln: Beschneidung ist „Körperverletzung“

  1. Dass in einem antifaschistischen Blog über diese Lappalie berichtet wird und diese dann *ernsthaft* unter Shoah & Holocaust kategorisiert wird, ist schon ziemlich… bescheuert.

  2. @klyonrad: In einer ersten Veröffentlichung zum Urteil des Landgerichts Köln hat jedenfalls der Zentralrat der Juden deutlich gemacht, daß er es nicht für eine Lappalie hält: http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/205.html.

    Im Text oben wird daran erinnert, daß in einer anderen Frage, die Du vielleicht allerdings auch für eine Lappalie hältst, dem Verbot des Schächtens, das ja ebenfalls Juden und Muslime gemeinsam betrifft, ein Zusammenhang mit der rassistischen Judenverfolgung der Nazis durchaus gegeben ist. Diese Verfolgung mit den Mitteln von Gesetzen und Strafrecht fußte historisch auf einer jahrzehntelangen antisemitischen Kampagne gegen das Schächten. Dessen Verbot war eine der ersten Maßnahmen der Naziregierung nach 1933. Hier ist ein Zusammenhang!

    Man könnte allenfals argumentieren, die Beschneidung ebenso wie das Schächten seien vormoderne Hygienemaßnahmen, gegen deren Abschaffung auch aufgeklärte Vertreter ihrer religiösen Gemeinschaften nichts haben könnten.

    Dieses typisch liberale Argument übersieht:
    (a) es handelt sich religionshistorisch in beiden Fällen nicht um Hygienevorschriften, sondern ursprünglich um Rituale der Abgrenzung und der Aufrechterhaltung der jeweils eigenen Gruppen von Juden und Muslimen im Umfeld andersreligiöser Mehrheitsgesellschaften. Im Fall des Schächtens wurde das hier einmal deutlich gemacht: http://duckhome.de/tb/archives/4425-Feindbild-Jude-Feindbild-Muslim-ein-Kettenmail,-ein-Urteil-und-eine-Konferenz,-Teil-2.html.
    Beschneidung und religiöse Speisevoschriften sind in beiden Fällen, Judentum und Islam, weniger der Hygiene geschuldet als vielmehr gesellschaftliche Differenzkennzeichen minoritärer Gruppen.

    Der bürgerliche Rassistenkopf jubiliert, wenn solche Differenzen mithilfe staatlichen Zwangs eingeebnet werden sollen: er besteht auf der Nivellierung von phantasierten „Privilegien“ der Minderheiten, einer „Gleichheit“ nach unten, anstatt dafür zu kämpfen, daß alle daran Interessierten gemeinsam für eine Gesellschaft kämpfen, in der unterschiedliche individuelle und Gruppenrechte für alle möglich und selbstverständlich sind.

    (b): selbst wenn man (a) nicht folgen möchte, wäre das Strafrecht kein geeignetes Mittel der Aufklärung. Aufklärung und Zwang schließen einander aus. Die Behauptung, Beschneidung sei „Körperverletzung“ ist absurd. In den USA wird die Mehrheit männlicher Neugeborener beschnitten, unabhängig von jeder Religion. Körperverletzung?
    Und: überhaupt keinen Zusammenhang gibt es selbstverständlich mit der Genitalverstümmelung an neugeborenen Mädchen. Männliche Beschneidung hat sexuell keine weiteren Folgen, weibliche Genitalverstümmelung die denkbar größten, und zwar irreversibel. Sie zu verbieten ist daher völlig richtig.

    In seiner gesellschaftlichen Wirkung hat das Landgericht Köln, was auch immer es bezweckt haben mag, Wasser auf die Mühlen der Fanatiker ethnischer Homogenität geleitet.
    Das islamophobe PI-Spektrum fordert, genau wie Geert Wilders in den Niederlanden, seit langem das Verbot von Koran und Islam, weil es sich bei beiden um Erscheinungen einer „totalitären Politideologie“ handele (die antideutsche Linke meint dasselbe und spricht gerne von „Islamofaschismus“).

    Kein Thema für einen antifaschistischen Blog?

  3. Ich habe selten einen so ideologisch aufgeladenen Betrag gelesen wie diesen.
    Seit wann ist der Jubel oder das Heulen von rassistischen Schwachköpfen, wie denen von PI irgendein Indikator für die Bewertung einer Gerichtsentscheidung.
    Das Ärzteblatt erklärt, das die Entscheidung des OLG Köln die Ärzte aus einer rechtlichen Grauzone geholt hat. Jeder ärztliche Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist rechtlich eine Körperverlettzung. Im Falle jeglicher Beschneidung von Kindern gibt es keine medizinische Notwendigkeit. Das ein Gericht der Unversehrtheit des kindlichen Körpers hier einen höheren Stellenwert zuweist, als dem Anspruch der Eltern auf privateigentümliches Verhältnis zu ihrem Kind, finde ich völlig richtig.
    Deine Argumente laufen darauf hinaus, dass Eltern auf Grund ihres Wunsches das Kind einer Glaubensgemeinschaft, einer irgendwie verstandenen Minderheit zuzuordnen, unveränderbare Veränderungen an dem Körper ihres Kindes vornehmen dürfen. Du argumentierst sogar mit dem Interesse der Minderheit, zur Differenzierung von anderen, also zur identitären Selbsterhaltung, solche Eingriffe praktizieren zu dürfen. Was aber, wenn gar die Eltern sich hier gegen die Regeln der „Minderheitsgemeinschaft“ entscheiden, darf dann die „Gemeinschaft“ quasi zum Selbsterhalt die Regeleinhaltung fordern. Schon entsteht der Streit darüber, wer den Zugriff auf den kindlichen Körper hat. Das Gericht hat hier eindeutig entschieden NIEMAND. Ab der Volljährigkeit kann der Mensch selbst entscheiden.
    Ist meine Argumentation bürgerlich? Da sie sich um Rechtsfragen schert, JA! Ist deine Argumentation, weil sie diese Frage als Streit zwischen „Christen“, „Juden“ und „Muslimen“ sieht, links? Ich wage das zu bezweifeln.

  4. Hallo s.k.,

    Deine Argumentation abstrahiert auf zwei Ebenen mehr, als ihr guttut, finde ich.

    Erstens: hier geht es nicht einfach nur um die Frage, was unter welchen Bedingungen als Körperverletzung zu bewerten ist. Sondern in dem konkreten, deutlich rassistisch gefärbten politischen und gesellschaftlichen Umfeld geht es auch um einen Herrschaftsdiskurs. Wie sich sowas aus der Perspektive der Minderheit, also von unten, anfühlt, kannst Du hier nachlesen: https://www.box.com/s/9267406c679fb0329ee2.

    Wie Dir bekannt ist, gibt es selbstverständlich jede Menge jüdischer und isamischer Jungen, die – aufgrund der Entscheidung ihrer Eltern (!!) – nicht beschnitten werden. Mir ist nicht bekannt, daß das zu ähnlichen, vergleichbaren Konflikten Anlass gegeben hätte, wie sie die Verfolgung von kulturellen oder religiösen Minderheiten durch Angehörige der Mehrheitsgesellschaften und in der Regel im Interesse der Herrschenden in ihnen gewesen wäre.Der von Dir oben diskutierte Streitfall ist also ebenfalls eher abstrakt.

    In einer idealen herrschaftsfreien Umgebung könnte man so argumentieren, wie Du das tust. Wobei allerdings auch der Verzicht auf die Beschneidung eine Handlung wäre, die der von Dir so bezeichneten privateigentümlichen Beziehung analog ist: als Jude oder Moslem nicht beschnitten zu sein ist ja nicht irgendwie keine Aussage. Und auch sie wird nicht vom Kind, sondern von den Eltern veranlasst.

    Dass wir in einer herrschaftsfreien Situation nicht sind, in der über solche Fragen sine ira et studio diskutiert werden könnte, ist auch Dir klar. Was also ist Dein Motiv für die Abstraktion?

    Zweitens: Du abstrahierst auch auf der Handlungsebene. Dein Argument macht an der Körpergrenze halt: warum? Jeder wirksame Erziehungsvorgang hinterlässt bewusste,oder, noch wirksamer, unbewusste Spuren in Körper, Bewußtsein und Seele des/der Erzogenen. Ich wurde nicht gefragt, welche Sprache ich als erste lernen möchte, aber es hat erhebliche Folgen für mich, daß es Deutsch war.
    Ich wurde nicht gefragt, ob mir die Lebensvorstellungen meiner Eltern gefallen, und doch prägen sie mich bis heute, positiv oder negativ. Und so weiter. Ich wurde eigentlich alles nicht gefragt, bevor ich da war. Man hat mich ohne mein Zutun oder Wollen-Können auf die Welt gesetzt. das st eigentlich doch mindestens so prägend und konsequenzreich wie eine Beschneidung, oder?
    Denke Dein Argument nicht bis zu dieser absurden Konsequenz, sondern nur einen oder zwei Schritte weiter und Du landest beim dann auch von Dir zu begrüßenden staatlichen Verbot, Kinder zu Vegetariern oder Fleischessern zu erziehen, Kindern klassische Musik zu Gehör zu bringen, Kindern bestimmten intensiven Farben auszusetzen (so tatsächlich in Waldorf-Schulen, dann aber im privaten Rahmen …). Oder jeweils das Gegenteil, was dann auch staatlich zu verbieten wäre.

    Noch leben wir nicht in jener zukünftigen Assoziation freier Individuen, in der die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung zur freien Entwicklung aller ist. Das merkt man allenthalben, und das ist auch, sehr verkürzt gesagt, der Grund, warum selbst solche eher abseitigen Fragen wie die nach der Beschneidung von Juden / Muslimen direkt nach ihrer Geburt im Jahre 2012 durch staatliche Instanzen behandelt werden.

    Die wünschenswerte Abschaffung dieser Instanzen ist, wie Du weißt, an weitreichende Bedingungen gebunden. Jetzt so zu diskutieren, als lebten wir schon dann und dort, führt in der gesellschaftlichen Praxis, auch in diesem Fall, nur zur Verlängerung des Elends, das Dir und mir stinkt.

  5. 1929 wird in Deutschland dem Ehemann das Recht genommen seine Frau zu „züchtigen“
    1958 wird in der BRD dem Vater das exklusive Recht genommen sein Kind zu schlagen
    1973 wird in der BRD den Lehrkräften verboten SchülerInnen zu schlagen
    1992 wird in der BRD der erzwungene Geschlechtsverkehr in der Ehe unter Strafe gestellt
    2000 wird das Schlagen des eigenen Kindes für die Eltern unter Strafe gestellt
    Im bürgerlichen Recht nimmt das Bewußtsein zu, dass weder Ehevertrag noch Erziehungsberechtigung als Grundlage für Verletzung der körperlichen Unantastbarkeit eines anderen Menschen dienen können. Hier werden in der Tat altreligiös legitimierte, tradierte und sozial eingeübte Formen qua Gesetz beendet. Setzt sich damit Aufklärung durch? In der bürgerlichen Form des Rechts sicher. Wird hier mit Zwang gearbeitet? Allerdings. Ist es damit illegitim?
    Für meine Argumentation benötige ich überhaupt keine herrschaftsfreie Gesellschaft. Auch ist mir sehr wohl klar, dass das Recht nicht auf allen Ebenen progressiv ist und herrschenden gesellschaftlichen Interessen folgt.
    In der Entscheidung des OLG ging es nicht um psychische Gewalt. Deshalb habe ich mich auf den Aspekt der Körperverletzung beschränkt.

    Deine Argumentation aber „Wobei allerdings auch der Verzicht auf die Beschneidung eine Handlung wäre, die der von Dir so bezeichneten privateigentümlichen Beziehung analog ist: als Jude oder Moslem nicht beschnitten zu sein ist ja nicht irgendwie keine Aussage“ birgt den Kern unseres Dissenses. Kein Mensch wird „als Christ“, „als Jude“, „als Moslem“ oder „als Naturreligiöser“ geboren. Ist wie in deiner Argumentation das Christs/Jude/Moslem-Sein erstmal gesetzt, dann ist es für die Anerkennung als Teil der religiösen Gemeinschaft ein Problem, wenn an einem Riten nicht vollzogen wurden.
    Das bürgerliche Recht darf aber für die Religionsgemeinschaften nicht den Zugriff auf die Körper von Menschen schützen, die hierzu kein Einverständnis gegeben haben. Das trifft auf Beschneidungen, rituelle Tätowierungen oder Rituale wie Exorzismen genauso zu wie auf die religiös begründete Verweigerung von medizinisch notwendiger Hilfe. Kinder sind hier besonders schutzbedürftig.
    Dein Argument es würde ja kein Schaden wie bei der Beschneidung von Mädchen entstehen, ist für mich nicht relevant. Hätte man dir bei der Geburt ein Brandzeichen mit einem C für Christ auf deinem Hintern verewigt, hätte dies dich wahrscheinlich auch nicht in deiner Fähigkeit zu sitzen behindert. Ich würde auch hier vehement dafür streiten, dass dies einer Religionsgemeinschaft untersagt wird.

  6. @klyonrad: „In einer ersten Veröffentlichung zum Urteil des Landgerichts Köln hat jedenfalls der Zentralrat der Juden deutlich gemacht, daß er es nicht für eine Lappalie hält: http://www.zentralratdjuden.de/de/topic/205.html.“
    —> ist mir in der Sache doch völlig egal, was ein Organ von einer religiösen Organisation meint. Dafür bin ich halt einfach nicht Nation-Religion-Israel-Juden-solidarisch (=“antideutsch“) genug.

    „Im Text oben wird daran erinnert, daß in einer anderen Frage, die Du vielleicht allerdings auch für eine Lappalie hältst, dem Verbot des Schächtens, das ja ebenfalls Juden und Muslime gemeinsam betrifft, ein Zusammenhang mit der rassistischen Judenverfolgung der Nazis durchaus gegeben ist. Diese Verfolgung mit den Mitteln von Gesetzen und Strafrecht fußte historisch auf einer jahrzehntelangen antisemitischen Kampagne gegen das Schächten. Dessen Verbot war eine der ersten Maßnahmen der Naziregierung nach 1933. Hier ist ein Zusammenhang!“
    —> Nein, das Schächten halte ich aus tierethischen Gründen (wie das massenhafte Töten generell) für keine Lappalie. Aus einer antirassistischen Perspektive allerdings schon.
    Weil die Nazis das Schächten verboten haben, dürfen wir heute nicht mehr überlegen, ob wir die Tätigkeit für verwerflich halten? Das ist doch ein klassisches Exempel des unangemessenen Hitler-Vergleichs (das Fass mit der Schächtung aufzumachen, sowieso unangebracht).

    „Man könnte allenfals argumentieren, die Beschneidung [….] vormoderne Hygienemaßnahmen, gegen deren Abschaffung auch aufgeklärte Vertreter ihrer religiösen Gemeinschaften nichts haben könnten.“
    –> Ehrlich gesagt, ist mir das total egal
    Ich halte da die gesamte religiöse Erziehung – um Benni Bärmann (https://twitter.com/benni_b/status/218049304357650432) zu paraphrasieren – für gravierender als die Abschnippelung von so einem Hautfetzen.

    „anstatt dafür zu kämpfen, daß alle daran Interessierten gemeinsam für eine Gesellschaft kämpfen, in der unterschiedliche individuelle und Gruppenrechte für alle möglich und selbstverständlich sind.“
    –> schöne Phrase; aber was ist wenn es gerade eben Konflikte gibt zwischen den Individuellen und den Gruppenrechten? Ich würde nicht so weit gehen, Religionen als faschistisch zu bezeichnen, aber wahnsinnig erstrebenswert finde ich sie auch nicht.

    „Die Behauptung, Beschneidung sei “Körperverletzung” ist absurd. In den USA wird die Mehrheit männlicher Neugeborener beschnitten, unabhängig von jeder Religion. Körperverletzung?
    Und: überhaupt keinen Zusammenhang gibt es selbstverständlich mit der Genitalverstümmelung an neugeborenen Mädchen. Männliche Beschneidung hat sexuell keine weiteren Folgen, weibliche Genitalverstümmelung die denkbar größten, und zwar irreversibel. Sie zu verbieten ist daher völlig richtig.“
    –> Wie gesagt; ich sehe das ähnlich. Aber im (deutschen?) juristischen System zählt halt *jeder* chirurgische Eingriff als eine Körperverletzung (auf der sogenannten Tatbestandsebene), die dann wiederum durch Einwilligung & medizinischen Nutzen gerechtfertigt wird.

    „In seiner gesellschaftlichen Wirkung hat das Landgericht Köln, was auch immer es bezweckt haben mag, Wasser auf die Mühlen der Fanatiker ethnischer Homogenität geleitet.
    Das islamophobe PI-Spektrum fordert, genau wie Geert Wilders in den Niederlanden, seit langem das Verbot von Koran und Islam, weil es sich bei beiden um Erscheinungen einer “totalitären Politideologie” handele (die antideutsche Linke meint dasselbe und spricht gerne von “Islamofaschismus”).
    Kein Thema für einen antifaschistischen Blog?“
    —> Nein; wenn ihr euch nicht mal die Mühe macht, latent rassistische Äußerungen des Gerichts (sofern vorhanden) zu zitieren. Was schert es denn, wenn bei PI o.Ä. Seiten jubilierende Kommentare kommen? Das bläht das ganze doch nur auf; daher meine Verärgerung.

    „Vielleicht führt ja die Erfahrung, wie heftig die ” israelsolidarische” Rechte über dieses Urteil jubelt, zu einem Klärungsprozess über den Wert, den diese “Solidarität” hat.“
    —> wenn vereinzelte Antideutsche/linke-Israel-Solidarische die Israelsolidarität von Rechten wie PI oder JU/CDU/CSU bejubeln, halte ich das schon grundsätzlich für dämlich.

  7. Im Folgenden dokumentieren wir einen per Mail geführten Dialog zum Thema zwischen Susanne, Michael Wilk, Martin und Hans Christoph Stoodt sowie einem Beitrag zur medizinischen Seite von einer Ärztin und Muslima:

    Michael Wilk schreibt:
    Da habe ich doch mal Bedenken gegenüber deiner Position. Deshalb in aller Kürze:
    Zugegeben ist das Urteil im politischen deutschen Kontext problematisch. Aber das war´s auch schon.
    Vielmehr stellt sich die Frage, warum ein Ritus, sei er tausend Jahre alt, soziokulturell „begründet“, tradiert oder was auch immer als Grund ausreichend sein soll für eine Operation, die in meinen Augen definitiv eine irreversible Körperverletzung darstellt. Der Eingriff ist in jeder Hinsicht medizinisch umstritten, wird oft ohne Betäubung von sogenannten „Spezialisten“ durchgeführt, was durchaus zu schwerwiegenden körperlichen und auch psychischen Folgen/Schäden führen kann. Wenn überhaupt sollten sich Erwachsene und entscheidungsfähige Menschen für diesen Eingriff entscheiden. Aus religiösen oder kulturellen Gründen im Kindesalter durchgeführt ist er abzulehnen und bedeutet in meinen Augen einen Missbrauch elterlicher Gewalt. Überhaupt sind religiöse Gründe nicht sakrosankt- im Gegenteil. Spätestens wenn „Religion“ – welche auch immer- mit ihren Riten derartig in das Leben von Kindern und Jugendlichen eingreift, wird die ganze Absurdität religiöser Anmaßung deutlich. Körperliche Misshandlung als Initiationsritus und als Einstieg in die mentale Verbiegung….
    Religion ist nicht unkritisierbar, weder die christliche, die moslemische und auch nicht die jüdische. Die Welt ist voll von absurden Riten, Bräuchen und Sitten, die zum Teil Hierarchien stabilisieren, sexuelle Macht verfestigen, oder nur schlicht und einfach verstümmeln. Hier gehen wir doch auch nicht mit einer alles legitimierenden Toleranz heran. Es gilt vielmehr abzuwägen zwischen „kultureller Hoheit“ der entsprechenden Menschen einerseits und einem generellen Menschenrecht andererseits. Genau das ist hier jedoch deutlich tangiert.
    „Identitätsbildung und religiöse überlieferte Praxis“ sind tangiert, durchaus. Aber geht es nicht doch etwas differenzierter? In keinem Fall darf die notwendige Kritik an antiislamischen oder antisemitischen Tendenzen/Aktionen dazu führen, das Religionskritik oder auch die notwendige Infragestellung absurder Rituale zu unterbleiben hat.

    In die Debatte schaltet sich Susanne ein und schreibt:
    Auch ich möchte da widersprechen. Die sexuelle Beschneidung von Mädchen wird ebenfalls mit Tradition und Religion begründet. Sie dient jedoch der sexuellen Unterdrückung und ist eine schwere körperliche und psychische Verletzung und Verstümmelung. Wir können die Frage also auch andersherum stellen. Soll ein deutsches Gericht Beschneidung als kulturelles Gut behandeln und akzeptieren, und damit den jahrelangen Kampf von Frauen in aller Welt gegen die Beschneidungsrituale konterkarieren?

    Zu den Positionen von Susanne, Michael und Hans Christoph schreibt Martin:
    Ich fürchte alle haben Recht. Ich selbst würde mich in die Formulierung „flüchten“: Ich bin aus den aufgeführten Argumenten (H-C.S/M.W./S.)ganz strikt für und zugleich gegen dieses Urteil des OLG Köln.

    Antwort Hans Christoph Stoodt an Michael, Susanne und Martin:
    Zu dieser Frage gibt es innzwischen eine Diskussion hier: http://wurfbude.wordpress.com/2012/06/26/landgericht-koln-beschneidung-ist-korperverletzung/#comments
    und hier: https://antinazi.wordpress.com/2012/06/26/landgericht-koln-beschneidung-ist-korperverletzung/#comments

    Eine islamische Ärztin hat mir das hier geschickt – sie mußte sich als Kommentatorin in der TAZ kurz halten: https://www.box.com/s/9267406c679fb0329ee2. Sollte man zur Kenntnis nehmen, finde ich.
    Die Frage der Beschneidung von Mädchen/Frauen sehe ich genau wie Susanne, halte sie aber für der von Jungen/Männern nicht vergleichbar, weil sie in patriarchaler Herrschaftsabsicht sexuelles Erleben unmöglich machen soll. Das ist bei der männlichen Beschneidung nicht der Fall.
    Der Beschneidungsdiskurs gehört in einen größeren Zusammenhang, von dem nach meiner Ansicht nicht abstrahiert werden darf.
    Nach dem Schächtverbot, dem Kopftuch-/Burka-Verbot und dem Moscheebau-/Minarettverbot nun dies.
    Jedesmal sind es angeblich „allgemeine und unveräußerliche Rechte“, die hier von Staats wegen, dieses deutschen imperialistischen Staats oder anderer, sehr ähnlicher wegen, verboten werden oder werden sollen, Vorgänge, die mich von der Argumentationslogik irgendwie an „humanitäre Luftschläge“ erinnern:
    das Schächtverbot, nachdem es die Faschisten schon 1933 als antisemitische Maßnahme durchgesetzt haben, wurde vom VG Gießen vor wenigen Jahren ebenfalls nicht ausnahmegenehmigt. Begründung 1933 und 2008 in beiden Fällen: der Tierschutz. Der aber mit den Zuständen in der Massentierhaltung ansonsten kein Problem hat, das sich etwa in deren tierrechtlich begründeten Verbot niederschlüge. Passend dazu erzählte Roland Koch dann im Wahlkampf was vom in Deutschland unüblichen Schlachten in der Wohnküche: https://antinazi.wordpress.com/2008/12/06/ganz-im-sinne-der-npd-verwaltungsgericht-giesen-behindert-schachten-kurz-vor-dem-islamischen-opferfest/;
    das Burkaverbot, in Frankreich und Belgien inzwischen geltendes Recht, in Italien gibt es mW. Forderungen dazu, betrifft abstrakt alle Frauen, ob sie nun die Burka aus Gründen des Zwangs oder eigener Entscheidung tragen möchten. In Deutschland war die Frage ebenfalls CDU-Wahlkampfthema in Hessen. Begründung: die Frauenrechte, deren sich die CDU ja bekanntlich auch sonst bei jeder Gelegenheit gerne annimmt;
    das Minarett oder Moscheebauverbot – siehe Schweiz: https://antinazi.wordpress.com/2009/12/09/schweinegrippe-minarettverbot/ , bzw. erinnert Euch an den Hausener Moscheebaustreit: https://antinazi.wordpress.com/2007/09/19/hausen-braucht-diese-moschee/
    Und zum allgemeinen gesellschaftlichen Klima in dieser Frage, also unterhalb politischer Forderungen oder juristischer Entscheidungen brauche ich Euch ja nichts zu erzählen. Falls Ihr noch Anschauungsmaterial braucht – da ist auch ein Artikel zu Micha Brumlik verlinkt, der die Parallelen von antiislamischem Rassismus und Antisemitismus bestens herausarbeitet: https://antinazi.wordpress.com/2010/02/05/wer-cihad-heist/.
    Meine Position ist es, auf keinen Fall von diesem Kontext zu abstrahieren. Mag sein, daß ich ihn in Euren Augen überbetone und die zB. medizinischen Aspekte, von denen ich keine Ahnung habe, vernachlässige. Aber ich bin tatsächlich der Meinung, daß es in Deutschland, Frankreich, Belgien und der Schweiz, ähnlich Italien, nicht um Frauen- oder Tierrechte geht.
    Sondern, daß der soziale Inhalt solcher Entscheidungen oder Forderungen viel eher im Interesse der Herrschenden der Mehrheitsgesellschaft zu suchen ist, Ventile für die angstvoll nach unten starrende Menge jener Menschen zu suchen und zu finden, die aus guten Gründen Angst vor dem sozialen Abstieg haben, vor dem sie dieser Staat nicht retten kann und will. Da ist es doch durchaus ein Angebot, minoritäre Gruppen zum inneren/äußeren Feind zu stempeln, ihnen atavistische und barbarische Rituale vorzuwerfen und dann aus humanitären Gründen zu verbieten: das sorgt für ein kuscheliges Wir-Gefühl diesseits der Grenze zwischen „Kultur“ und „Barbarei“ und verschließt die Augen vor den wahren gesellschaftlichen Grenzen.
    Das sind Herrschaftsdiskurse, die hier und jetzt stattfinden, in einer Zeit, in der die Herrschenden uns gegen einen Feind im Inneren und Äußeren hetzen wollen, den sie zuvor sorgfältig als „Islam/Islamismus“ konstruieren und projizieren.
    Befreit die Afghanin! Mithilfe der Bundeswehr.
    Rettet die Tiere! Vor jüdischen oder islamischen Metzgern.
    Rettet die abendländische Kultur! Vor jüdischer oder islamischer Überfremdung.
    Ihr könnt mir mit Recht antworten, daß das ja alles sehr unterschiedlich Fragen sind.
    Aber ich denke es ist doch wohl auch unumstritten, daß es da einen roten Faden gibt, der sie miteinander verbindet:
    Herrschaftsinteressen, durchgesetzt mit staatlichen Mitteln.

    Dazu Michael Wilk:
    Na gut. Dein Beitrag ist schräg. Eine Beschneidung ist keine Bagatelle. Habe sie selbst operiert und sie ist kein Spaß und ohne Narkose eine Qual. Sie ist keine Taufe. Eine Blinddarmentfernung ist, wenn indiziert, lebensrettend. Eine Impfung potentiell ebenfalls. Du vergleichst Äpfel mit Wackersteinen. Trotzdem Grüße

    Darauf wieder Hans Christoph Stoodt:
    Das Schräge kommt daher, weil Du konsequent medizinisch argumentierst, wozu ich wegen mangelnder Kompetenz nichts sagen kann und will, während ich politisch argumentiere, was Du durchaus auch könntest, aber nicht tust.
    Seit der römischen Kaiserzeit gibt es jüdischer Gemeinschaften in unserer hiesigen Gegend. Mir ist nicht bekannt, daß ihnen schon je die Beschneidung durch ein Gerichtsurteil untersagt und als strafbare Körperverletzung sanktioniert worden sei (ich rede hier nicht von religiöser Verfolgung, da mag es zu Kreuzzugszeiten ähnliche Praktiken gegeben haben).
    Wäre Beschneidung ein so gefährlicher Eingriff, wie Du ihn schilderst, müßte das doch seit Jahrhunderten bekannt sein, oder?
    Zumal, wenn man an frühere OP-Bedingungen denkt.
    Der Punkt, den Du für meine Wahrnehmung aus Deiner Argumentation ausblendest ist die Frage: warum wird das jetzt, warum von einem staatlichen Gericht, aufgegriffen? Das hat doch nicht in erster Linie mit dem nun plötzlich entdeckten Gefahrenpotential für Kindeswohl und Menschenrechte zu tun. Kann ich mir jedenfalls nicht vorstelle
    Schöne Grüße

    Eine Ärztin und Muslima antwortet dazu in Bezug auf die von Michael aufgeworfenen medizinischen Fragen:
    Erstmal danke für die Info und das Hinweisen auf den Kontext.
    Wenn Michael Wilk scheibt: „Der Eingriff ist in jeder Hinsicht medizinisch umstritten, wird oft ohne Betäubung von sogenannten „Spezialisten“ durchgeführt, was durchaus zu schwerwiegenden körperlichen und auch psychischen Folgen/Schäden führen kann.“ muß ich sagen: daß der Eingriff von „sogenannten Spezialisten“ durchgeführt wird, kann ich nicht bestätigen. Schon vor 30 Jahren ging der Trend dahin, daß die – überwiegend türkischen – Eltern sich an Ärzte gewandt haben, um den Eingriff durchführen zu lassen. Wir reden hier davon, wie es im „Westen“ gemacht wird. Im Judentum ist Beschneider (mohel) eine zunächst religiös fundierte Qualifikation, mittlerweile sind die Mohels aber fast alle Ärzte.
    Was ich – ab 1980 – mitbekommen habe, war, daß man das zunächst immer mit „Phimose“ begründet hat, wo die Krankenkassen allerdings einen Riegel vorgeschoben haben. Üblich war – schon? – damals eine 2-tägige stationäre Nachbetreuung; es wurde nämlich über die Einzelnähte des inneren und äusseren Vorhautblattes ein Salbenverband festgeknotet, der nach zwei Tagen abgeschnitten wurde. Erst, als die Krankenkassen den – religiösen – Eingriff nicht mehr bezahlt haben (vor die Diagnose „Phimose“ wurde eine sehr hohe Hürde gestellt), kam es in Mode, daß der Eingriff ambulant durchgeführt wurde.
    Stell Dir das so vor, daß über die „Naht“-Knoten der Verband gelegt und dann festgeknotet wurde. Der Eingriff war nie „in jeder Hinsicht medizinisch umstritten“, sondern das wurde seit den 1990er Jahren in die Diskussion eingeführt, wie Du in diesem Fachartikel sehen kannst: http://www.cirp.org/library/anatomy/cold-taylor/ . Auch ohne den Artikel im Einzelnen zu verstehen, dürfte auffallen, daß:
    • die weibliche Beschneidung wie selbstverständlich mnit abgehandelt wird,
    • sich in den Fußnoten die Artikel über angebliche psychische Probleme sowie Kritiken an der Circumcision häufen, während der
    Text im Wesentlichen sachlich ist.
    Diese Textstelle ist die interessanteste:
    „The glans penis is primarily innervated by free nerve endings and has primarily protopathic sensitivity [43]. Protopathic sensitivity refers to cruder, poorly localized feelings (including pain, some temperature sensations and certain perceptions of mechanical contact) [44]. In the glans penis, encapsulated end-organs are sparse, and found mainly along the glans corona and the frenulum [43]. The only portion of the body with less fine-touch discrimination than the glans penis is the heel of the foot [45]. In contrast, the male prepuce ridged band (Fig. 7) at the mucocutaneous junction has a high concentration of encapsulated receptors [46]. The innervation difference between the protopathic sensitivity of the glans penis and the corpuscular receptor-rich ridged band of the prepuce is part of the normal complement of penile erogenous tissue.
    In females, the glans clitoris and the inner plate of the prepuce have corpuscular receptors on their oppositional surfaces [47]. The glans clitoris also has a much denser concentration of Vater-Pacinian corpuscles than either the glans penis or the male prepuce.“
    Wie Du siehst, haben Glans, Penis und Vorhaut nur geringe, „protopathische“ Sensibiliät, sieht man vom Verbindungsbändchen ab. „fine touch discrimination“ lässt sich messen: Wie nahe dürfen sich zwei Berührungen kommen, damit sie immer noch als getrennt empfunden werden? An der Fingerkuppe sind das Millimetert, auf dem Rücken Zentimeter.
    Auch Beschwerden und Symptome sind soziokulturell vermittelt. Die großen hysterischen Anfälle, die Freud beschrieben hat, siehst Du heute nicht mehr, genauso wenig wie das „Kriegszittern“ aus dem 1. Weltkrieg. Und das waren sicher nicht zufällig amerikanische Juden und amerikanische Homosexuelle, die als erste die Beschneidung problematisiert haben.
    Fachgerecht durchgeführt führt der Eingriff durchaus nicht zu „schwerwiegenden Komplikationen“. Ich habe eine Menge Beschneidungen selber durchführen dürfen, weil man bei dem Eingriff eine gute Sensibilität für ausreichende Blutstillung bekommt. Eine Nachblutung ist nämlich die häufigste Komplikation, über die deswegen auch ausführlich aufgeklärt werden muss. Ich besorge mir gerade mal einen Aufklärungsbogen.
    Setzt man die männliche der weiblichen Beschneidung gleich, kann ich Dir sagen, was passiert: dann wird jemand, genau wie Hirsi Ali für die Mädchen, fordern, daß die Jungs nach Rückkehr aus dem Heimatland einem Amtsarzt vorgeführt werden. Und die Beschneidung durch Laien wird dann zunehmen, also quasi eine selbsterfüllende Prophezeihung.
    Nach meiner Erfahrung wird die Beschneidung hier in D bei den Muslimen weit überwiegend von Ärzten durchgeführt. …

  8. Die Abwägung der Rechtsgüter scheint mir im Kommentar zu wenig gewürdigt. Sicherlich birgt das Ergebnis der Abwägung kulturhistorische Wurzeln – diese jedoch reflexhaft und alleine mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen, wird dem Urteil nicht gerecht bzw. zeugt von Bedürfnissen, welche nicht Thema des Prozesses waren.

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