Michael Stürzenberger und die Dreigroschenphilosophie

Der folgende Beitrag erhebt nicht den Anspruch, die Meinung der gesamten ANK darzustellen. Vielmehr versteht er sich als Diskussionsbeitrag in einer Debatte, die wir aktuell führen.

Mitte Mai erschien auf dem Blog „Dreigroschenphilosophie“ ein kritischer Artikel zur ANK, der mit den Begriffen „Anarchismus, Antifaschismus, Diktatur, Frankfurt, Klassenkampf, Leninismus“ getaggt worden war. Hier geht es mithin fast um alles. Worum aber genauer?

Um viel: „Menschen, die sich gegen faschistisches Gedankengut stellen, können nicht mit denselben Mitteln agieren“ erklärt der anonyme Autor und wirft somit der ANK Faschismus in den Mitteln vor.

Was soll das sein? Wie kommt er dazu? Kennt er uns? Hat er je mit uns diskutiert, agiert? Was genau ist an unserem Auftreten so, daß man uns „dieselben Mittel“ wie „faschistisches Gedankengut“ vorwerfen kann?

Wir lesen zu diesen Fragen nach:

(a) wir „befehligen Demonstrationen“ und bedienen uns „diktatorischer“ Mittel:
Können wir uns nicht dran erinnern. Wie macht man sowas überhaupt? War der Autor schon mal bei einer Demo? Hat er mal versucht, sie „zu befehligen„?
Wir geben schamerfüllt zu: wir diskutieren in unseren Reihen ziemlich viel, manchmal ziemlich nervig, immer ziemlich zeitaufwendig, über Monate im Wochenrhytmus, wie wir Aktionen, zu denen wir (mit) aufrufen, möglichst effektiv gestalten. Wir bemühen uns, das ernsthaft zu tun, dh., daß wir das, was wir diskutieren, auch praktisch machen. Das sind Vorhaben, die sich zuerst an uns selbst und unserem Verhalten entscheiden. Wir können und wollen niemanden „befehligen„. Wir melden mit gewissen Überlegungen mögliche Blockadepunkte der Stadt beim Ordnungsamt an, wir beobachten unsere Gegner und die Polizei, wir versuchen aus erfolgreichen oder weniger erfolgreichen Aktionen Schlussfolgerungen zu ziehen. PEGIDA oder sonstige Nazis zu konfrontieren ist nicht unser Hobby. Das ist ziemlich ernsthaft. Wir meinen, was wir sagen. Sorry for that.

(b) in der ANK sind die falschen Organisationen dabei: SDAJ, DKP, zusammen e.v., solid‘ und ATIK – alle „stramme Leninisten„. Ist uns neu, daß es auch zum Instrumentarium des Leninismus gehört, eingetragene Vereine zu gründen. Wie es mit dem Leninismus in den anderen Gruppen steht, mögen diese selber beantworten. Da wird bei uns keine Aufnahmeprüfung vorgeschaltet. Aber eins ist klar: so wenig man Leninist sein muß, um bei uns respektiert und willkommen an antifaschistischen Aktionen beteiligt zu sein, so wenig ist es umgekehrt verboten. Antikommunismus oder Antileninismus ist keine Kompetenz, die zu antifaschistischer Arbeit besonders befähigen würde. Selbst der durch und durch bürgerliche Autor des antifaschistischen Jahrhundertromans  „Doktor Faustus“, Thomas Mann, erklärte den Antikommunismus zur „Grundtorheit unserer Epoche“. Der Dreigroschenphilosoph dagegen ist einer, dem man es nicht recht machen kann: einerseits sieht er lauter stramme Leninisten, andererseits „bürgerliche Gruppierungen“ wie „Gewerkschaften„. Eine Mischung zum Fürchten. Wenn er uns real kennen würde… Tut er aber nicht. Er ist natürlich nicht dabei, wenn wir versuchen, Nazis und Rassisten zu blockieren.

(c) Nachdem der Autor aber nun auf diese Weise endlich sein antikommunistisches Bekenntnis abgelegt hat, kann er befreit vom Leder ziehen, egal ob das, was er nun schreibt, irgendwas belegbar mit der ANK zu tun hat oder nicht. Er phantasiert, in der ANK sei man der Ansicht, an allem Übel der Welt seien „die USA und Israel“ schuld. Er zerrt an den Haaren herbei, bei uns herrschten Sympathien für „Russland und China“ – wir wüßten aber nicht, wann wir uns zuletzt zur Politik dieser vier Staaten geäußert hätten. Und aus welchem Grund wir das hätten tun sollen.

(d) Bei uns tragen Leute die falschen Klamotten. „Das (sic!) bei so etwas noch Leute mit Palästinensertuch im Orgateam  (??) dabei sind, fällt da kaum noch ins Gewicht.“ Sorry, das ist keine Modenschau hier.

Eine Demonstration der ANK ist wie eine Zeitreise. In die neunziger, vielleicht sogar die achtziger Jahre. Als wenn es viele Diskussionen – zum Beispiel um Antisemitismus oder (Anti-)nationalismus – in der Linken nie gegeben hätte.
Für den Dreigroschenphilosophen gibt es also Diskussionen über den Antisemitismus erst seit den 1980er Jahren. Interessant. Da hat er viel nicht mitbekommen. Schon mal was von Horkheimer gehört?

Es sollte ihm zu denken geben, daß er klingt wie Heidi Mund, die von ihm und seinesgleichen eins gelernt hat: wenn Faschismus nicht eine terroristische und chauvinistische Form bürgerlicher Herrschaft des Finanzkapitals ist, sondern zuerst und im Kern Antisemitismus sein soll, dann kann man ja kein Nazi sein, wenn man eine Israelfahne dabei hat. Wenn ein nationalistischer Deutscher zuerst ein Antisemit sein soll, dann können Nazihools ja keine Nazihools sein, wenn sie Stürzenberger mit „Ahuuuu“-Rufen applaudieren, weil der sich unter anderem auch verbal gegen „Antisemitismus“  wendet und das wiederum mit Israelfahnen belegt (obwohl er bei BAGIDA in München mit ausgewiesenen und militanten und antisemitischen Nazis verbandelt war / ist).

Überhaupt, Stürzenberger. Liest man einen der jüngsten Texte dieses islamfeindlichen und mit offenen Nazis befreundeten Rassisten, dann findet man erstaunliche politische Schnittmengen zwischen ihm und dem Frankfurter Dreigroschenphilosophen: Stürzenberger zur Frankfurter PEGIDA-Demo am 17. Juni. Ähnlich wie bei ihm wird der Begriff des historischen Nazifaschismus seines politischen, seines Klasseninhalts beraubt und dann beliebig gegen jedweden gewendet, der Stürzenberger nicht passt. Die ANK handelt in diesem (Un-)sinne faschistisch – da sind sich Stürzenberger und der anonyme „antideutsche“  Dreigroschenphilosoph völlig eing.

Mit den bekannten Standard-Argumenten „antideutscher“ Aktivisten wird das Tragen eines Palituchs, im gesamten Mittleren Osten seit Generationen üblich, als antisemitisch und damit als nazitypisch bezeichnet – wahrscheinlich hat Stürzenberger für diese „Argumentation“ einen „antideutschen“ Text ausgewertet.

Antitfaschist_innen der ANK „faschistische Herrschaftsmethoden“ vorzuwerfen – das ist typisch für Stürzenberger und den Dreigroschenphilosophen zugleich. Auch Heidi Mund bezeichnet uns dauernd als „Linksfaschisten“ – und ist die allertreueste Freundin Israels, glühende deutsche Nationalistin und evangelikale Fundamentalistin in ein- und derselben Person. Falls sie weiß, was Leninismus ist, ist sie bestimmt auch gegen diesen, wie der Dreigroschenphilosoph und Stürzenberger, der schon deshalb was gegen Linke hat, weil sie angeblich dem Islam den Weg ins „Abendland“ bahnen. 

Was der Dreigroschenphilosoph zum antiislamischen Rassismus sagt, wissen wir nicht. Gegen den aber geht es seit einem halben Jahr. Dazu hat nichts beizutragen, wer so argumentiert wie er – schlimmer: vermutlich sympathisiert eine Person wie sie/er mit Theorien wie der eines angeblich existierenden Islamfaschismus. Das sind Theorien, die letztlich der Unterdrückung nach Innen ebenso dienen wie der Vorbereitung von Bundeswehreinsätzen, die dann wieder humanitär oder gar „antifaschistisch“ begründet werden wie seinerzeit der Jugoslawienkrieg. Das gesamte „antideutsche“ Lager hat keine klare Haltung zur rassistischen Islamfeindlichkeit von Gruppen wie PEGIDA. Das konnte man auch in Frankfurt durchaus beobachten.

Ein inhaltsentleerter Antisemitismus- und Faschismusbegriff verbindet „antideutsche“ und antiislamisch-rassistische Ideologen derzeit mehr, als ihnen lieb sein dürfte. Er hat im Bereich „antideutscher“ Theoriebildung in deren hardcore-Bereich ebenso wie in dem des sogenannten „Phase2“-Antifaschismus zu übelsten kriegsbefürwortenden und sozial-elitären Theorien geführt wie etwa der, Faschismus, das sei „die Herrschaft der Subalternen“ – mit einer solchen Position ist man besser bei der FDP oder gleich bei der AfD aufgehoben.

Das hat praktische Konsequenzen. Bei der von „kritik&praxis“ angeführten pro-Israel-Demo am 4. August 2014 marschierten nicht nur die „Antideutschen“ der „prozionistischen Linken“ und der „Gruppe Morgenthau“ mit, sondern auch die ukrainischen Faschisten des „Rechten Sektors“ unter Führung seiner hiesigen Vertreterin Svitlana Golub.  Ganz am Schluß des Zuges trottelte Heidi Mund mit Deutschlandfahne. Niemand verwies die ukrainischen Faschisten und Mund effektiv der Demo. Nachträgliche Erklärungen zu diesem Vorgang konnten keine wirkliche Klarheit schaffen.

„Antideutsche“ Positionen sind objektiv rechts. In antifaschistischen Zusammenhängen haben sie darum nichts zu suchen. Und der Anmaßung von Personen wie Stürzenberger, Mannheimer, Mund, Seitz usw., sich als Nachfolger_innen des „deutschen Widerstands“ zu inszenieren, müssen wir ebenfalls deutlich entgegentreten. Voraussetzung dafür ist, daß wir uns über die Frage verständigen, was wir unter Faschismus verstehen.

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2 Gedanken zu “Michael Stürzenberger und die Dreigroschenphilosophie

  1. Ich hab bei „zu Nichte gemacht“ schon aufgehört zu lesen. Wessen Nichten wurden zu gemacht?

    Antideutsches rechtes Geschwätz, es gibt halt als mal wieder einen der dieses schon lange tote Pferd versucht zu reiten.

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